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Ans München.
München, Ansang September.
Seit die Niederlage der Ultramontanen die Theilnahme Bayerns an dem gegenwärtigen Kriege gesichert, seit die Gefahr für die deutschen Grenzen beseitigt war, trat auch bei uns jene Erschlaffung ein, die jedem großen politischen Kampfe regelmäßig zu folgen pflegt. In keinem deutschen Lande hatte neben den Rüstungen sür den Krieg eine so große politische Arbeit zu geschehen, wie gerade in Bayern. München hat diesen Kampf gegen die unnationale Partei, der nur von der Hauptstadt aus mit Erfolg berieben werden konnte, mit einem Ernst und einer Energie für das Land aufgenommen, die den unmittelbarsten Eindruck auf die Kammermehrheit hervorbrachte und zur glücklichen Wendung der Dinge gewiß mehr beigetragen hat, als man auswärts vermuthet. Es darf also nicht Wunder nehmen, wenn nach diesen Erfolgen und Verdiensten eine gewisse Erschöpfung sich geltend machte, die vielfach, aber mit Unrecht als Theilnahmlosigkeit ausgelegt wurde. München nahm eine etwas frostige Miene an, und selbst die blutigen folgeschweren Siege von Metz vermochten uns in keine freudige Erregung zu versetzen. Lagen doch hier die Erfolge nicht so deutlich in eroberten Kanonen und gefangenen Franzosen ausgedrückt vor Augen, als daß sie Jedermann sofort hätte begreifen können. Welcher Gegensatz zu den letzten großen Siegeskunden ! Als die Nachricht von der Schlacht bei Beaumont hier eintraf, lag nach langem düstern Regenwetter der erste lachend heitere Herbsttag über der Stadt. Der lang entbehrte Sonnenschein, die Siegesnachricht, der Umstand, daß auch unsere Bayern an demselben theilgenommen hatten, alles dies wirkte in glücklichem Verein zusammen. Niemals sah ich München so heiter und fröhlich; es war ein politischer Feiertag. Niemand arbeitete, alles herunter auf die Straßen. Die dichten Schaaren, die lachend und singend die Altstadt durchzogen, riefen: Fahnen heraus! und bald hatten auch die Häuser sich in das festliche Gewand geworfen, das der Stimmung der Einwohner entsprach. Während nun ein Theil unserer Aristokratie nur zögernd und gedrängt von der öffentlichen Meinung sich diesen Ovationen anschloß, schien dagegen die Bekehrung der Geistlichkeit eine vollständige zu sein. Wohl zum ersten Male während ihrer hundertjährigen Existenz trugen die alten Blechhauben der Frauenkirche und selbst der Petersthurm des Herrn Pfarrer Westermayer, dessen Reden Ihnen aus der Abgeordnetenkammer noch erinnerlich sein werden, die deutschen Farben. Auch von dem erzbischöflichen Palais in der Promenadenstraße wehte es schwarz-roth-golden.
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