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Die dritte französische Republik.
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könnte, verfährt man in der herkömmlich systematischen Weise, vertheilt alle Aemter an die Häupter der Revolution, setzt die Präfecten massenhaft ab und neue ein, wobei in der Eile derselbe Mann für Ornn und die Vogesen ernannt wird, schreibt auf das genaueste vor, in welcher Form die Tribunale fortan ihre Erkenntnisse abgeben sollen und decretirt, daß rohe Baumwolle auf der Landgrenze zwischen den Orten X. und U> die Surtaxe von 3 Fr. 60 nicht zu bezahlen habe. Wahrlich Tocqueville hatte Recht, als er behauptete, die Revolution habe nur die Centralisation, welche das alte Königthum an­gebahnt, vollendet. Aber es liegt auf der Hand, daß diese Reorganisation der gesammten Verwaltung zur Desorganisation für den Zweck der Verthei­digung werden muß; nichts wird ordentlich in einander greifen, um eine neue wirkliche Armee zu schaffen; die 300,000 Mann die man so tapfer aufmar- schiren läßt, sind nicht viel mehr als Sir John's Leute in Steifleinen.

Unter den Männern, welche die republikanische Regierung bilden, ist mit Ausnahme des 74 jährigen Crimieux, der im Februar 1848 Justiz, minister ward, Niemand, der jemals praktisch mit Staatsgeschäften zu thun gehabt hätte. Abgesehen von den Militärs, von denen der Marineminister Fourichon, Commandant des Nordseegeschwaders, vorläufig in sM-tldus inüäöliuin weilt, sind die bedeutendsten Namen Gambetta, Jules Simon und Jules Favre. Ersterer, von genuesischer Abkunft, machte bei Ge­legenheit der Baudin-Affaire zuerst seinen Namen durch den heftigen Angriff auf das kaiserliche Regiment bekannt und wurde dann einer der Führer der Unversöhnlichen im Liorxs löFisIatik. Herr Simon ist als Minister des Cultus noch am besten an seinem Platze, indem er sich wenigstens vorwiegend mit philosophischen und socialen Fragen beschäftigt. Herrn Jules Favre aber im auswärtigen Ministerium zu sehen, kann auf die europäische Diplomatie nur einen sehr wunderlichen Eindruck machen, der durch sein erstes Werk, das Circular, womöglich noch gesteigert werden wird. Wir wollen es ihm keineswegs zum Fehler anrechnen, daß er Deutschland gegenüber nicht sofort gelinde Seiten aufzieht; es ist die Aufgabe jeder Regierung, in erster Linie die Integrität des Nationalgebiets zu wahren, und Graf Bismarck hat sicher von der Republik kein Anerbieten erwaltet, auf der Basis der Abtre­tung von Elsaß und Lothringen Frieden zu schließen. Die kaiserliche Ne­gierung ist gestürzt, nicht etwa weil sie den Krieg erklärt, sondern weil sie ihn nicht zu führen verstanden, und demgemäß ist es auch ganz in der Ord­nung, wenn die Republik versucht, es besser zu machen und in keine Con­cessionen willigt, ehe auch ihre Waffen gedemüthigt sind. Aber was den Verfasser des Circulars als politischen Dilettanten kennzeichnet, ist die Sprache, die er führt, und welche die altfranzösische Ueberhebung mit dem Bombast revolutionärer Ueberschwänglichkeit verbindet. War der Herzog v. Grammont

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