43V
war im Grunde froh, diesen Beschwerdepunkt gegen Frankreich sich immer offen zu halten, der ihr selbst zu einer gelegeneren Zeit die ganze Freiheit des Handelns zurückgab. Sie hatte sich begnügt, einigemal bescheidene Vorstellungen in Paris zu machen, nur um den Schein zu wahren: eilte es ihr doch auch mit der Lösung der römischen Frage gar nicht. In diesem Augenblick aber erschien das plötzliche Zurückziehen der Besatzung, wenngleich durch das Kriegsbedürfniß motivirt, als eine wichtige Concession an Italien, und in diesem Sinne wußte auch die kaiserliche Regierung die Maßregel zu verwerthen. Sie stellte der italienischen — wir berichten ein uns wohlverbürgtes Factum — die klugberechnete Alternative: Rückkehr zur September- Convention oder Allianz gegen Preußen um den Preis des Kirchenstaates.
Das Ministerium entschloß sich zum Ersten. Es war kein leichter Schritt, die verhaßte Convention wiederherzustellen, nachdem sie ein werthloses Stück Papier geworden war; die unklaren und theilweise unerfüllbaren Verpflichtungen mit Bewußtsein ciuss Neue übernehmen, in deren Verurthetlung jetzt alle Parteien einig waren, hieß der öffentlichen Meinung ins Gesicht schlagen. Wenn dennoch Visconti, dem französischen Druck so weit nachgebend diesen Schritt that und sofort dem Parlament anzeigte, so lieferte er damit indirect eine werthvolle Bürgschaft für den Ernst der Regierung, im Kriege neutral zu bleiben. Durch die Erneuerung des Septembervertrags war der einzig denkbare Preis einer Allianz mit Frankreich, mithin die Allianz selbst in weite Ferne gerückt. Bei dieser Erkenntniß beruhigte denn auch die Nationalpartei sich schneller, als die Proteste einiger Exaltirter im Parlament erwarten ließen.
Aber war Italien auch stark genug, seine Neutralität nötigenfalls zu vertheidigen? Die Frage, welche der Schweiz und Belgien so wenig Schwierigkeit gemacht hat, schien für Italien durchaus keine müssige, sie ist alles Ernstes im Ministerium discutnt worden. Es gab einen Fall, in welchem der neutralen Haltung Italiens ihre Basis genommen worden wäre: ein Bündniß Oestreichs mit Frankreich. In diesem Falle war es für Italien Pflicht der Selbsterhaltung, aus einer Neutralität herauszutreten, welche die mächtigen Nachbarn als Verbündete nicht respectirt und für welche sie sich nach dem voraussichtlichen Siege an Italien gerächt haben würden. Italien war in diesem Falle willenlos; es mußte mit auf Deutschland drücken, um nicht selbst erdrückt zu werden. Diesem Rcüsonnement der Angstpolitik, dem eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen ist. begegnete man damals oft an entscheidender Stelle.
An dem guten Willen — nicht Oestreichs, aber einer starken Partei in Oestreich und des Reichskanzlers selbst, mit Frankreich gemeinsam loszuschlagen, brauchte man nicht zu zweifeln. Gut nur, daß G-af Beust. von