Der Äriegslcirm in Frankreich.
In die emsige Thätigkeit der sonnigen Erntewoche klang mißtönend der Allarmruf aus Frankreich. Mitten im tiefsten Frieden ist uns ahnungslosen Deutschen durch öffentliche Erklärung der französischen Minister die unangenehme Mittheilung gemacht worden, daß wir Krieg mit Frankreich zu erwarten haben, wenn wir nicht ein Etwas verhindern, was wir weder zu bewirken noch zu verhindern die Macht haben. Wenn die Vertreter des spanischen Volkes den Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen zum Könige von Spanien wählen und die Bürgerwache von Sigmaringen dem Erwählten nicht in die Speichen seines Reisewagens fällt, dann giebt eö Krieg mit Frankreich. So lautete die Ankündigung des Herzogs von Gra- mont mit den Erläuterungen des Ministers Ollivier. Wir haben in dem letzten Menschenalter zuweilen Veranlassung gehabt, gegen die Ansprüche unserer Nachbarn jenseit des Rheins Nachsicht zu üben. Aber wenn wir diesmal dem schnell aufwallenden Blut unserer werthen Verwandten dort im Westen, den Schwächen ihres politischen Charakters und der heißen Jahreszeit noch so viel Rücksicht tragen,— diese überraschende Behendigkeit im Aufsagen aller Freundschaft ist doch selbst für deutsche Geduld eine harte Zu- mulhung. Sonst galt unter civilisirten Nationen die Erklärung, daß man genöthigt sei, die Entscheidung durch Waffen zu suchen, für die letzte und entscheidende Maßregel, nachdem alle Mittel, auf friedlichem Wege zum Einvernehmen zu kommen, als fruchtlos erwiesen waren. Und die Kriegsdrohung selbst galt für ein verhängnißvolles und furchtbares Wort, das man sogar dann ungern aussprach, wenn man zum Aeußersten entschlossen war. weil man wußte, daß die ausgesprochene Drohung jedes weitere Verhandeln stört, dos Ehrgefühl beider Theile feindlich herausfordert und selbst einer schweren That durchaus gleichkommt. Sonst, wenn man dir Pflicht hatte, die Geschicke eines Staates zu besorgen, bedachte man, daß der Krieg nur letztes Mittel in Lebensfragen des Staates sein darf. Jetzt ist die Diplomatie in Frankreich soweit gekommen, daß ihr bei der ersten Aufwendung von Kraft diese äußerste Erklärung nöthig erscheint. Uns dünkt das kein Zeichen von Kraft.
Aber die brüske Herausforderung des deutschen Ehrgefühls ist auch ein politischer Fehler, der kaum ärger gedacht werden kann, falls man wirklich, nur die Beseitigung eines spanischen Throncandidaten will. Denn dieser Kriegsruf zwingt nicht nur das französische Ministerium zu Consequenzen
Gr-nzvoten III. 1870, 11