36
Wie bayrische Budgetnoth.
Endlich sind die Arbeiten des Landtages in Fluß gekommen und für die nächste Woche steht, nachdem das Etatsjahr bereits zur Hälfte abgelaufen ist, die Debatte über das Budget pro 1870 auf der Tagesordnung, Im ganzen Lande wird derselben mit einer fast unbayrischen Aufregung entgegengesehen. Denn neben der Verwirklichung politischer Prinzipien handelt es sich hier noch um weit faßlichere Begriffe: um Rang, Stand, Gehalt, geradezu um die Lebensaussichten von Tausenden. Entspricht die Beschlußfassung der Kammer den Referaten, welche Kolb über das Militär-Budget und der Lyeealprofessor Greil über das allgemeine Staats-Budget ausgearbeitet haben, so steht der Offiziers- und Beamtenwelt eine tiefgehende Umwälzung bevor. Hunderte von Offizieren müssen dann in den nächsten Wochen pen- sionirt werden, Hunderte verlieren jede Aussicht auf Avancement oder Anstellung, und dafür erhalten wir eine ganz neue Species von Menschen, junge kerngesunde Pensionisten von 20— 30 Jahren. Die Beamten sollen in allen Branchen reducirt und ihnen die Theuerungszulagen entzogen werden. Darüber herrscht natürlich in allen besseren Familien des Landes großer Schrecken; man weiß, wie in der Schweiz nach Auflösung der neapolitanischen Fremdenregimenter, nicht mehr, wohin man mit den Söhnen soll, nachdem die gewöhnliche Carriere derselben vielleicht für ein Jahrzehnt hinaus gesperrt zu werden droht. Mag dies immerhin sür eine Volksvertretung kein maßgebendes Motiv sein, die Reformprojecte der patriotischen Partei werden für einen guten Theil des Landes hierdurch nur noch bitterer gemacht.
Zunächst wird das Militär-Buvget die Kammer zu passiren haben. Daß bei der Zusammenstellung desselben das Kriegsmtnisterium von dem ernstlichen Willen, ausgiebige Ersparungen zu erzielen, geleitet worden sei. kann leider nicht behauptet werden. Auch in militärischen, der noblen Persönlichkeit des Ministers stets zugethanen Kreisen wird dies offen zugegeben, und wenn selbst ein Mann wie Freiherr von Bothmer, der Generalquartiermeister der Armee, in der Kammer der Reichsräthe den Antrag auf Zurückziehung und Revision desselben stellte, so muß es in mehr als einer Beziehung auch einer wohlwollenden Kritik Angriffspunkte geboten haben. Frhr. v. Prankh, der seines mühseligen Amtes schon längst satt sein soll, hat diesen letzten Ausweg, das Budget von augenfällig unnöthigen Positionen zu reinigen, zum großen Bedauern der liberalen Partei mit der kühlen Bemerkung, daß er außer Stand sei, ein anderes vorzulegen, abgelehnt und damit der Gegenpartei eine willkommene Gelegenheit gegeben, auch das absolut Nothwendige in demselben zu verdächtigen. Die Commissions-Verhandlungen scheinen in dem Minister jede Hoffnung auf eine fernere gedeihliche Wirksamkeit für immer erstickt zu haben. Dort soll er, als der Ausschuß die dem Kriegsminister bisher zustehenden zwei Wagenpserde gegen den Willen des Referenten auch ferner bewilligt wissen wollte, in schmerzlich zorniger Bewegung ausgerufen haben: „Ach. meine Herren, nehmen Sie doch die zwei Pferde auch noch mit, es ist ja doch Alles hin." Leider hat die feste Ueberzeugung, daß Herr v. Prankh auf seiner bereits öfter angebotenen Entlassung diesmal bestehen werde, schon zu einem sehr unschönen Wettlauf Veranlassung gegeben. Man nennt militärische Namen, die, hervorragenden Kammermitgliedern gegenüber sich gegenseitig lieitanÄo unterboten, und einer dieser Herren soll sogar mit 10 Millionen das Portfeuille des Krieges übernehmen zu können erklärt haben. Die Regierung fordert für das laufende Etatsjahr 15,700,000 fl.