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Das Leben Schleiermacher's von Dilthey.
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privatissime so zu leben, daß den Blicken späterer Generationen wenigstens die verhüllten Gedanken und verschwiegenen Wünsche nicht ganz unerkennbar wären. Man war sich der allgemeinen deutschen Misere im preußischen Ber­lin doch am klarsten bewußt, suchte die politische Leere am meisten systema­tisch mit geistiger Arbeit zu ersetzen und durfte hier und da ungestraft sym­bolisch (durch einen schlechten Witz, dem nicht beizukommen war) seinem Ge­fühle Ausdruck verleihen. Zwar hatte diese Gesinnung keinen großen Wirkungskreis. Berlin lag weit ab vom übrigen Deutschland, weiter als Königsberg heute. Was am Rheine, in Göttingen, in Sachsen, in Süd­deutschland damals ein berühmter Mann und seines Publikums sicher war, hatte einen endlichen gloriosen Ruf und Einzug nach Berlin wohl kaum in Gedanken, und doch saßen in Berlin die Männer, die es vielleicht hätten machen können, wäre der eigne Wille durch obrigkeitliche Bewilligung dazu erhoben worden. Unter diesen Männern bewegte sich Schleiermacher als einer der ersten, Ohne seiner Würde etwas zu vergeben, war er in den ge­drücktesten politischen Zeiten in Staat und Kirche mächtig und brauchte seine Unabhängigkeit nie mit blanker Waffe zu vertheidigen. Er kannte das Fahr­wasser zu genau. Er durfte zwischen Klippen hindurch, die manchen Andern zu Grunde gehen ließen oder wenigstens aufhielten, seinerseits sogar mit vollen Segeln fahren, und Viele gingen sicher der Linie nach, die er zog, und priesen die Existenz des Mannes und betrauerten seinen endlichen Verlust als unersetzlich.

Diese Zeiten und Zustände Berlins zeigt Dilthey's erster Band natür­lich noch nicht, allein wir müssen sie doch vergleichend im Auge halten bei dem von ihm gegebenen Bilde der Stadt vor und während der französischen Revolution, in deren Kreisen erst wir Schleiermacher seine Erfahrungen für das spätere Amt gewinnen sehen. Berlin ist der Gravitationspunkt seiner Existenz, er war völlig zu Hause da, um es in der Folge mit solcher Sicher­heit, man kann in gewissem Sinne wohl sagen: beherrschen zu können. Schleiermacher kannte die Herren alle miteinander, hatte sie aufwachsen oder zuziehen und sich acelimatisiren sehen, die selbst und deren Kinder dann sein Publikum wurden. Er hatte ihre Denkweise inne und wußte ihre Sprache zu reden. Und nicht die Herren allein, auch die Frauen kannte er. Er wußte von allen Familien chemisch genau, wie viel Eisen sie im Blute hätten. Und die Kunst dieser Chemie lernte er in jungen Jahren aus dem Grunde. Praktische Menschenkenntnis war sein eigentliches Fach. Enkel eines religiösen Schwärmers, Sohn eines Vaters, welcher, eigenem Geständnisse nach, spät erst an die Dinge glauben lernt, die er lange seiner Gemeinde predigen mußte, ohne daran zu glauben; Zögling einer herrenhuttschen Schule, be­schränkt durch äußere Armuth, bedrängende Familienverhältnisse, anklebende