Praktischer Rath für Lyriker von Goethe.
Die folgende nirgend gedruckte Niederschrift Goethe's, welche uns durch die Güte eines Freundes zugeht, verdient sehr in seine Werke aufgenommen zu werden. Die Rathschläge, welche darin ertheilt werden, haben noch in der Gegenwart ihre Geltung. Da aus dem Schriftstück nicht zu ersehen ist. Wer der Dichter war, welcher von Goethe berathen wurde, so wäre eine kleine lockende Aufgabe für Literaturfreunde, die Person festzustellen, oder doch wahrscheinlich zu machen. — Die Niederschrift lautet folgendermaßen:
Die Gedichte, welche mir zugesendet worden, gehören, weil man sie doch vor allen Dingen einordnen muß, zu den gemüthlich didactisch-lyrischen. Man kann von solchen verlangen, daß sie rein empfunden, gut gedacht und bequem ausgesprochen seyen. Alle diese Vorzüge besitzen die vorliegenden. Dagegen haben sie kein eigentlich poetisch Verdienst. Unaufhaltsame Natur, unüberwindliche Neigung, drängende Leidenschaft, Haupterfordernisse der wahren Poesie, welche sich im Großen wie im Kleinen, im Naiven wie im Pathetischen manifestiren können, zeigen sich nirgends. Demungeachtet kann der Verfasser bei seinem Talent sich den Beyfall seiner Landsleute versprechen.
Die Deutschen lieben das moralisch-lyrische, diese subjeetiven reflectirten besänge, die einen andern Jemand wieder leicht ansprechen und an allgemeine Zustände des Gemüths, an Wünsche Sehnsuchten fehlgeschlagene Hof- uungen erinnern.
Ich würde daher dem Verfasser rathen, seine Lieder durch diejenigen Blätter bekannt zu machen, welche sogleich ins große Publicum gelangen; wie ich mir denn ein Paar davon für Herrn Cotta's Morgenblatt ausbitten würde. Dabei könnte er sich irgend einen wohlklingenden Namen wählen, durch den seine Gedichte vor andern ähnlichen sich auszeichneten.
Behagen sie einem Musiker, begleitet er sie mit gefälligen Melodien, fo
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