Beitrag 
Die politische Lage.
Seite
237
Einzelbild herunterladen
 

837

Die politische Lage.

Zum viertenmale, seit der deutsche Nordbund eine Verfassung erhielt, sendet der deutsche Frühling Blüthenschnee und laue Luft über das Land, zum erstenmal trifft er die Privatunternehmungen der Bundesgenossen in gedeihlichem Aufschwung, Verkehr und Geschäft behaglich ausgebreitet. Eine befriedigende Ernte und wachsendes Vertrauen auf dte Sicherheit der neuen Zustände haben den Druck von uns genommen, welcher durch drei Jahre auf der erwerbenden Thätigkeit des Volkes lag. Wenn der Geschäftsmann jetzt seine Zeitung zur Hand nimmt, so sucht er vor allem, ob seinem neu be­schwingten Muth auch die große Politik der Staaten Bürgschaft für gute Dauer gebe. Von allen Seiten Friedensversicherungen, überall das Be­streben der Diplomatie politisches Gewölk durch kräftige Beschwörung aus- einanderzublasen. Wohl noch bessere Bürgschaft für den Frieden Europas bietet der Umstand, daß Niemand Zeit zum Unfrieden hat. In Wahrheit hat es selten eine Zeit gegeben, in welcher sämmtliche große Staaten, ja auch die kleinen Schmerzenskinder Europas so angelegentlich durch die wichtigsten inneren Lebensfragen in Anspruch genommen waren. Unser Bund endigt in diesem Jahr die erste Periode der Gesetzgebung und seiner Neubildungen, die Wahlen zum neuen Reichstage beeinflussen bereits die Abstimmungen der Parteigenossen und die Artigkeiten des Hofes, von ihrem Ausfall wird abhängen, ob die sicherste Grundlage des neuen Bundes, die Militärorganisation mit oder ohne Stürme in ihrer Continuität erhalten bleibt. Aber noch andere Lebensinteressen Deutsch­lands reifen der Entscheidung zu, die obere Leitung des Bundes erfordert die Einrichtung neuer ergänzender Organe für Rechtsspruch und Verwaltung, die Lage kleiner Bundesstaaten ist bereits so schwierig geworden, daß eine Aenderung ihrer Stellung zum Bunde sich über das Jahr 1871 hinaus schwerlich aufschieben läßt, der Rückfall der größeren Südstaaten in ihr altes Behagen und der wachsende Einfluß der großdeutschen und ultramontanen Partei bedrohen das Verhältniß des Südens zum Bunde mit neuen Gefah­ren; in Preußen selbst nimmt die Empfindung zu. daß die Herrschaft der konservativen Partei in der inneren Verwaltung, in Cultus und Unterricht, der Zukunft des Staates schwere Einbußen bereite. Aber wie sehr auch das Ungenügende des gegenwärtigen Zustandes den Einzelnen ärgert, die Un­zufriedenheit ist bei uns doch nur die Mahnung zu kräftigerem Fortschritt auf der betretenen Bahn, weit obenauf ist die stolze Empfindung, daß es trotz allem in zeitgemäßer Entwickelung vorwärts geht und daß am Himmels» Haus des deutschen Bundes die guten Sterne in fröhlichem Aussteigen sind,