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Correspondenz aus Bayern.
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zwischen den Parteien stets beobachtete Urbanität, hat durch das Vorherrschen dieser Elemente einen schweren Stoß erlitten; doch steht, wie wir glauben zu hoffen, daß durch ein längeres Zusammensein der neuen Bestandtheile mit den älteren, dieser Nachtheil wieder seine Ausgleichung finden wird, zumal die Führer der Ultramontanen Weis, Ruland, Jörg in dieser Beziehung kein Tadel trifft. Auf der linken Seite des Hauses hat nur die Fortschrittspartei neue Kräfte an sich gezogen, unter denen besonders die beiden als Verthei­diger renommirten Advocaten v. Schauß und Frankenburger Aufsehen erreg­ten. Die Mittelpartei, früher das Gros der Kammer bildend, sieht sich auf 89 Köpfe redueirt, und vermochte nicht einmal ihre sämmtlichen Führer durchzusetzen. Unter den Fehlenden wird am meisten der kenntnißreiche frühere Kammerpräsident Pözl vermißt.

In der Debatte selbst machte sich der Unterschied zwischen den beiden libe­ralen Fractionen nirgend geltend; die Fortschrittspartei hat mit Recht unter den obwaltenden Umständen darauf verzichtet, ihr Programm in Bezug auf die deutsche Frage zu diseutiren und sich auf Vertheidigung des gegenwärtigen Ministers beschränkt. Bezüglich der inneren Fragen bestand ohnedies keine durchgreifende Meinungsverschiedenheit, so daß diesmal, die ganze liberale Partei geschlossen auftreten konnte.

Was den eigentlichen Inhalt der Debatten anlangt, so ist es bezeich­nend, daß die patriotische Partei, thatsächlich auch das geringste Opfer für eine engere Verbindung der deutschen Staaten zurückweisend, theoretisch stets den nationalen Gedanken auf die freigebigste Weise anerkannte. Kein Redner derselben hat es gewagt, seine Verdammung der Hohenlohe'schen Geschäfts­führung auszusprechen, ohne sich im Eingang mit einigen deutsch-patriotischen Redensarten zu salviren. Warum die patriotische Partei diesen für sie ebenso beschwerlichen als unnöthigen Weg einschlug, ist nicht recht abzusehen. Warum sagt sie nicht ganz offen:Wir sind Bayern und wollen nichts An­deres sein. Wir brauchen kein Preußen und kein Deutschland. Wir können so gut und noch besser selbständig sein, als die Schweiz, als Belgien und Holland. Der Neid der drei uns umgebenden Großmächte bietet unserer Existenz ge­nügende Bürgschaft.Damit wäre wenigstens der Wahrheit gedient gewesen und zwar einer Wahrheit, die sich vor den altbayrischen ländlichen Wählern der Ultramontanen keinerlei Rücksichten aufzulegen braucht. Der Versuch, die starrste bayrische Selbstgenügsamkeit mit einer deutsch-nationalen Gesinnung zu einem nur einigermaßen genießbaren Gebräu zu vereinigen, m ußt e mißlingen und führte zu einer Menge von Jnconsequenzen, zuweilen zu Albernheiten. Wenn ein durchaus verständiger Mann wie Dr. Huttler, dessen Tact und Versöhnlichkeit von allen Seiten anerkannt wird, seine Zustimmung zur Vereinigung mit dem Norden z. B. von der Verlegung der Hauptstadt nach