Beitrag 
Aus Bukarest : das Hazardspiel in Rumänien.
Seite
338
Einzelbild herunterladen
 

338

Aus Bukarest.

Das Hazardspiel in Rumänien.

Seit einigen Jahren ist eine fieberhafte Spielwuth an Stelle der glück­lich überwundenen Pestepidemie hier eingebürgert, und hebt die auf Mäßig­keit angelegte rumänische Natur aus ihrem Gleichgewichte. Was in andern Ländern das Börsen- und Lottospiel, das ist hier das Kartenspiel, dem alles ohne Unterschied des Geschlechtes. Standes und Alters sröhnt. das alles geistige Leben ertödtet und die fürchterlichsten Verheerungen unter den Fa­milien anrichtet. Es ist dieses Uebel in Mark und Blut der Rumänen über­gangen.

Das Gesetz verbietet das Spiel öffentlich zu betreiben; aber die ru­mänischen Gesetze sind zum großen Theile bloße Kundgebungen, die als Cabinetsstücke in den Archiven unbeachtet liegen. Wer sollte sie denn auch vollziehen? Der rumänische Beamte gewiß nicht. Wie die Erfahrung lehrt sind gerade die Organe, welche über das Spiel zu wachen haben, diejenigen, die daraus den größtmöglichsten Nutzen für sich zu ziehen suchen, die also das Uebel nur noch fördern. Die deutsche Regierung vielleicht? Die jetzige Judenverfolgung, die überraschend auf die frühere Toleranz gefolgt ist, kann dieser deutschen Regierung den Maßstab geben, was sie hier zu erwarten hat. Man nimmt das nationale Element angeblich gegen die Juden in Schutz, d. h. man zeigt an den Juden, wie man es mit den eingewanderten Ausländern überhaupt hält. Wie jene nach gethanener Arbeit sortgeschickt werden, so bedient man sich der letztern und läßt sie gewähren, weil man sie noch braucht und weil man gegen diese nicht so wie gegen jene freie Hand hat; aber man stellt das nationale Element ihnen feindlich gegenüber, und da­gegen wird die deutsche Regierung, wie in Griechenland, nichts vermögen. Die Deutschen werden aus privaten Wegen allerdings mit der Zeit gewisse Re­sultate erzielen, in ostensibler Weise aber sich an der Regierung nicht be­sonders betheiligen dürfen; so wird das nationale Element mit allen seinen Eigenthümlichkeiten sich selbständig entwickeln, um eine der sonderbarsten In­dividualitäten in der großen europäischen Völkerfamilie zu bilden.

Das Hazardspiel ist wie in den europäischen Staaten so auch in der Türkei strengstens verpönt, und man muß es der türkischen Polizei nach­sagen, daß sie in Constantinopel wie in allen größeren Emporien der Levante diesem Uebel mit vollem Erfolge begegnet. In der türkischen Hauptstadt ver­kriecht sich das Spiel in die fränkischen außerhalb der eigentlichen Stadt liegen-