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von Commynes im vorigen Jahre bewilligt hatte. Und so entfloh dieser in derjenigen Stunde, in welcher sein bisheriger Herr und Freund sieglos zurückwich, während sein neuer Gönner durch die einstweilige Zurücknahme der Pension zeigte, daß seine Geduld aufs äußerste gespannt war und daß er kein Mittel scheue, um den erwünschten Parteigänger endlich zu gewinnen- Der ganze Hergang erhält noch eine eigenthümliche Beleuchtung durch die in den Memoiren Commynes' vorkommenden Worte, er habe in seinem Leben wenig Leute gesehen, die es verstanden hätten, gut zu fliehen*).
Als Commynes am Hofe Ludwigs XI. anlangte, lastete auf seinem Gewissen übrigens nicht allein der verrätherische Uebergang von der burgundischen zur französischen Partei, sondern außerdem noch manche schlimme That, die er nach den Forderungen der ränkevollen Politik jener Tage im Dienste Karls des Kühnen auf sich genommen hatte. Er war daher auch völlig vorbereitet, die listige Staatskunst des französischen Königs nach dessen Sinn zu unterstützen und wir finden ihn von nun an in einer Menge von häßlichen Geschäften, in denen Spionage, Betrug und Bestechung eine große Rolle spielten. Jahre hindurch war hiebei das Hauptziel seines Meisters sowie sein eigenes, die burgundische Macht zu schwächen und zu vernichten und schließlich, nachdem Herzog Karl bei Nancy gefallen war, einen möglichst großen Theil der Städte und Länder desselben dem französi« schen Reiche einzuverleiben. Karls Untergang, durch den Ludwig XI. von seinem gefährlichsten Gegner befreit wurde, wird uns von Commynes in den Memoiren ausführlich erzählt, aber in völlig kühler Objectivität, ohne daß dem Autor auch nur ein Wort wahrhaft inniger Theilnahme oder schmerzlicher Bekümmerniß über den kläglichen Tod seines ehemaligen Herrn und Freundes entschlüpfte**).
Nach der Abwickelung der burgundischen Angelegenheiten erhielt Commynes einen neuen Wirkungskreis. Denn nun wendete Ludwig XI. seine Augen auf auswärtige Verhältnisse und faßte den Gedanken, während der damalige Papst Sixtus IV. die fürstliche Macht des römischen Stuhles in Italien zu vergrößern suchte, im Gegensatze hierzu eine norditaliänische Ligue unter dem Protektorate Frankreichs zu schaffen. Commynes wurde zur Beförderung dieser Absicht als Gesandter nach Florenz geschickt, verweilte dort während des Sommers 1478 und zeigte wieder die eminente staatsmännische Begabung, die den Mittelpunkt seines Wesens ausmacht***).
-) N6m. I. 383.
"1 In der Erzählung von der Katastrophe Karls ist das einzige mitleidige Wort: es vsuvro üuv äs LourZonkne. Ebenso nüchtern sind die darauf folgenden Reflexionen. Sl6m. II. 63 ff.
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