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liches Leben und Wirken (3. 1—48) hervorzuheben. Ueberhaupt stehen die ge- schichtlichen Partien des Werkes sehr im Vortheil. Der Verfasser bringt zu diesem Theil seiner Arbeit Geschmack und allgemeine Bildung mit. Er weiß ansprechend zu erzählen, berichtet gewissenhaft, übt die nöthige Kritik bei zweifelhaften und ein tüchtiges Schiedsrichteramt bei sich widersprechenden Relationen, gibt sich Mühe um Eruirung der geschichtlichen Details (zumal der hie und da streitigen chronologischen Folge der Begebenheiten im Privatleben Augustin's) und vergißt nicht, seiner Erzählung durch Beleuchtung der allgemeinen Zustände in Staat und Kirche den. nöthigen Hintergrund zu geben. Es fehlt ihm auch nicht an physiologischem Feinblick, Bonhommie und Billigkeit im Urtheil. Nicht ungeschickt wird (1, 93 f.) der Versuch Augustin's, im manichäischen Dualismus sein reines Gottesbewußtsein wieder zu erringen, mit der Begierde Luthers verglichen, sich im Kloster von dem Todesschrecken, der ihm seine Sünde der Heiligkeit Gottes gegenüber vorhielt, zu erholen. Dem Manichäismus selber wird (1,77 f.) ein tiefer Zug nach dem Frieden, der nicht von dieser Welt ist, und eine innige Sympathie mit'S der Natur nachgerühmt. Treffend wird über Monika bemerkt: „Man stellt sich eine solche Frau gern als eine verschlossene Blume vor, die erst bei der Berührung des himmlischen Lichts still ihren Kelch öffnet. Bei der Monica bestätigt sich diese Voraussetzung nicht. Sie hatte einen heiter lebendigen und weiblich kräftigen Sinn, welcher das Treiben der Außenwelt wohl zu beachten pflegt und ihre Freude zu kosten nicht unempfänglich ist, auch in dieser Hinsicht geistig die Mutter Augustin's." Mit Fug und Recht ist auf den Natursinn und auf die dichterische Begabung des Kirchenvaters hingewiesen. Wäre diesen beiden Eigenschaften weitere Aufmerksamkeit geschenkt worden, welche Bereicherung würde das Lebensbild des merkwürdigen Mannes dadurch erfahren haben! F.
Wie bayrische AdreMebatte.
München, Anfang Februar.
Wir sehen hier seit Wochen einem politischen Schauspiele zu, dessen Entwicklung von Scene zu Scene an Spannung und Interesse gewinnt, wie ein ächtes Drama. Die Adreßdebatte ist im Zuge, und während ,in der Kammer der Reichsrüthe ein Vormittag genügte, um die Wünsche seiner Mitglieder für Entlassung des Ministeriums und Aenderung der inneren Politik zu formuliren, sprechen die Abgeordneten sich und das Land seit 8 Tagen in immer größere Aufregung hinein. Das ist nicht zu verwundern, sintemal man in der Generaldebatte nach dem ausdrücklichen Zugeständnisse des Präsidenten Alles sagen darf, was man auf dem Herzen hat, mag es nun zur Adresse passen oder nicht.
Die Neuheit der Kammer, die unglaublichen Anstrengungen der Parteien, welche ihrem Zusammentritt vorausgegangen waren, die Gefahr einer ra- dicalen Aenderung der inneren und äußeren Politik Bayerns und die möglichen Folgen in Bezug auf Deutschland und Europa. Alles trug dazu bei, dieser Debatte eine ungewöhnliche Bedeutung zu geben, und die Erwartungen auf das Höchste zu spannen. Die Reichsräthe machten am vergangenen Freitag den Anfang, und wer an jenem Tage den schönen Sitzungssaal dieser Kammer betreten hat. konnte schon aus der seit Jahren nicht mehr erreichten Vollzähligkeit der Herren und der Anwesenheit sämmtlicher Prinzen da-