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Samogitien spielt der über die Grenze gewanderte kurländische Baron genau dieselbe Rolle, wie der preußische Rittergutsbesitzer in Galizien: weil beide selbst wirthschaften, ihre Ausgaben nach den Einnahmen Zuschneiden, Capitalien mitbringen und ihre Leute baar bezahlen (die landesübliche Münze, in der der Herr den Knecht lohnt, ist eine Anweisung auf die „Propination" h. den Schenkwirthen oder Händler) find sie unbesiegbare Concurrenten, die sich behaupten, wo sie ein Mal Fuß gefaßt haben.
Die Bekanntschaft mit den stammverwandten Nachbarn an der polnischen Tafel ist bald gemacht. Vor drei Jahren sind die Herren, gelockt durch unver- hältnißmäßig niedrige Preise und unverkennbare Fruchtbarkeit des jungfräulichen Bodens, in das Land gekommen; es hat viel Geld und noch mehr Mühe gekostet, die verfallenen Wirthschaften, welche sie vorfanden, zu organisiren, das fleißige, anstellige, aber zügellose Landvolk an Ordnung und Pünktlichkeit zu gewöhnen. „Schlimmer als die Recruten aus Oberschlesien oder Litthauen sind die Masuren und Krakusen nicht" und alte preußische Offiziere verstehen sich aus rasche Dressur. „Es hat bei uns Alles seine militärische Ordnung und in die finden sich die Leute am Besten. Auf Ertrag ist bei den unvermeidlichen Aufwendungen der ersten Jahre nicht zu rechnen, aber wir wären ja nicht nach Galizien gekommen, wenn wir nicht aushalten könnten." Ist die Arbeit der Organisation und des Neubaues der Wirthschastsgebäude und Maschinen ein Mal glücklich beendet, so kann mit Sicherhett auf reichen Gewinn gerechnet werden. Das Land ist von unerschöpflicher Fruchtbarkeit und bringt bei mäßiger Cultur unvergleichliche Ernten — die Viehzucht rentirr sich mit Sicherheit, der Nachfrage nach galizischen Ochsen ist bei den Viehhändlern an der schlefischen Grenze kein Ende; auch die Branntwein- production ist bedeutend und die im Bau begriffene Fortsetzung der Lemberg- Czernowitzer Bahn (über Suczawa nach Jassy) kann nur dazu beitragen, den Absatz galizischer Produkte zu vermehren und das wirthschaftliche Leben des Landes zu beleben. Während die Wiederherstellung der polnischen Autonomie und die Anerkennung des Herrschaftsrechts dieser Nation in Galizien auf die deutsch-östreichische Einwohnerschaft des Landes entmuthigend gewirkt und einen Theil derselben zur Rückkehr in die Heimath bewegt hat, schreitet die norddeutsche Colonisation rüstig vorwärts, und wesentlich die Unsicherheit der Verhältnisse hat verschuldet, daß den deutschen Landwirthen nicht auch Industrielle in größerer Anzahl an die Ufer des San und Sanok gefolgt sind. Die Zahl der norddeutschen Landwirthe in Galizien hat sich grade in den letzten Jahren so ansehnlich vermehrt, daß — wie meine Nachbaren er- erzählten — die Preise z. B. in der Umgegend Lembergs hinaufgegangen sind und vortheilhaste neue Ansiedlungen erschwert haben. Trotz der isolir- ten Stellung, welche die norddeutschen Gutsbesitzer in diesem gegenwärtig