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Aus Deutsch^Vestrcich.
Wien, Anfang December.
Vor etwa neun Monaten schrieb ich Ihnen, daß wir am Vorabende einer neuen Verfassungsrevision und zwar noch nicht der letzten stünden. Seitdem haben sich nach und nach alle unabhängigen Organe der Publi- cistik der Frage bemächtigt, ob in der bisherigen Weise sortregiert werden könne oder nicht; fast ausnahmslos sind sie dahin gelangt, diese Frage zu verneinen, und logischerweise mußten sie in Folge dessen die schleunige Revision einer Verfassung fordern, welche nun einmal, unbeschadet ihrer vielen guten Eigenschaften, notorisch nicht lebensfähig ist. Die große Zahl von Blättern, welche mit Ernst in diese Discussion eingetreten sind, zeigt, was zu glauben man kaum noch den Muth hatte, daß die Mehrheit auch der Deutschöstreicher noch ein aufrichtiges Interesse an dem Bestände des Reiches nimmt. Bei wem dies nicht der Fall, wie würde dem beikommen einen Zustand zu per- horresciren, welcher ihm größere Garantien politischer und socialer Freiheit gewährt als irgend ein früherer, der dem deutschen Elemente das Uebergewicht sichert und — endlich die Rückzugslinie nach dem neuerstehenden Deutschland offen läßt. Nehmen wir ferner an, daß von den Reformgegnern wohl ebenfalls die große Mehrheit im Herzen gut östreichisch ist und sich nur von unklaren Sympathien und von sophistischen Führern irre leiten läßt — und ein solches numerisches Verhältniß ist mit Grund anzunehmen — so haben wir einen Kern, aus welchem ein echter Patriot und echter Staatsmann etwas machen könnte. Allein nach den Leistungen östreichischer Regierungskunst während der letzten zwanzig Jahre muß man mit größerer Sicherheit darauf rechnen, daß dieser Kern mit List und Gewalt werde zerstückelt und zerstreut werden. Die treuesten Anhänger und die ältesten Freunde zu verletzen oder irre zu machen, mit dem Feinde von gestern zu kokettiren und ihm morgen wieder zu zeigen, daß man ihn nur zum besten gehabt habe: diese Kunst verstanden alle die Minister, welche seit Schwarzenberg und Stadion die äußere und innere Politik unseres Staates geleitet haben, und in diesem Stücke scheinen auch Graf Beust und die Bürgerminister nicht von der Tradition abweichen zu wollen. Giskra war es, der einst mit gewohnter Emphase in seinem und seiner politischen Freunde Namen erklärte, so gut wie Schmerling und Rechberg würden auch sie das Staatsruder zu lenken wissen. Sie haben getreulich Wort gehalten: der Reichsrath der deutsch-slavischen Länder ist nicht minder eine Fiction, als es damals der „weitere Reichsrath" war, die Verfassung wird von einem sehr großen Theil der Bevölkerung nicht anerkannt, in Dalmatien besteht offene Empörung, und das Ministerium geht an innerer Uneinigkeit und Unentschlossenheit zu Grunde.
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