politischer Monatsbericht.
X Leipzig, Ende December. Die letzten Wochen haben auf Preußens Beziehungen zu den übrigen europäischen Großmächten und namentlich zu Nußland ein Licht geworfen, dessen Klarheit wir, wenigstens zum großen Theil, preußenfeindlichen Dunkel- männern zu danken haben. Der Besuch des Kronprinzen in Wien, das Zu- sammentreffen des Fürsten Gortschakow mit Herrn v. Beust und die Sendung des General Fleury nach Petersburg hatten die Möglichkeit einer veränderten diplomatischen Lage indicirt und sofort trafen von der Moskwa bis zur Donau und Seine alle Feinde unserer nationalen Sache in dem Bestreben zusammen, Preußens Stellung zu den übrigen Mächten als eine isolirte und unheilschwangere zu bezeichnen. Wiener und Pariser Blätter brachten geheimnißvolle Andeutungen darüber, daß etwas im Werk sei, daß Frank- reich und Rußland an dem türkisch egyptischen Conflict und dem dalmatinischen Aufstande Gelegenheit genommen hätten, ihre Interessen in Einklang zu setzen und die Spitze derselben gegen die Berliner Regierung zu richten. Alte und neue Freunde in Dresden, Leipzig, Cassel u. s. w. trugen dafür Sorge, daß diese erfreulichen Neuigkeiten an die rechten Adressen kamen und von Moskau aus wurde ihnen nach Kräften secundirt. Den Wünschen der nationalen russischen Demokratie, welche eben einen Hauptsturm gegen die gemäßigten General-Gouverneure der ehemals polnischen Länder vorbereitete, konnte Nichts gelegener sein, als eine gleichzeitige Wendung in der auswärtigen Politik. Preußens imposanter Machtentfaltung hemmend in den Weg zutreten, die Eisenbahnprojecte zu hintertreiben, welche unsere Ostsee- Provinzen mit den russischen Grenzländern in ausgiebigere Handelsbeziehung setzen sollten und im Bunde mit Frankreich den Khedive gegen die loyalen Forderungen der Pfordte unterstützen — die Verwirklichung dieser Pläne hätte ein treffliches Complement zu jener inneren Politik abgegeben, welche in der Zerstörung der westeuropäischen Culturelemente eine Siegesbürgschaft für die gewünschte „rein-nationale" Entwickelung sieht. — Der all' zu lebhaste Eifer der Männer, welche sich zu diesem Werk die Hände reichten, hat das bereits gelegte Fundament desselben wieder zerstört und die russische Regierung veranlaßt, durch die That zu beweisen, daß man sich in ihr verrechnet habe. Mit der Verleihung des höchsten russischen Militärordeus an den König von Preußen, war in der auswärtigen Politik Rußlands ein ebenso deutliches Wort gesagt, wie in der inneren.
Grenzboten IV. 1869. . 61