Beitrag 
Literatur.
Seite
357
Einzelbild herunterladen
 

337

Literatur.

Sicilien, Schilderungen aus Gegenwart nnd Vergangenheit von G. F. von Hoffweiler. Mit 36 Originalzcichnungcn von Alfred Metzcncr, in Holz­schnitt ausgeführt bei N. Brcnd'amonr u. Comp. in Düsseldorf. Leipzig. Verlag von Alphons Dürr. 1870.

Seit Umgestaltung der politischen Zustände auf der Apennincnhalbinsel, die gleichbedeutend ist mit Einführung derselben in die moderne Cultur, hat auch Sicilien, das wie eine verwunschene Prinzessin der Sage dem gebildeten Mitteleuropa fast un­nahbar war, gewissermaßen die Angen aufgeschlagen und blickt den begehrlichen Tou­risten einladend nn. Denn ist auch durch die neuesten und hoffentlich cndgiltig er­folgreichen Belebungsversuche erst recht fühlbar geworden, wie viel diesem Lande noch fehlt, wie sehr es znr Zeit beinahe auf allen Gebieten der Cultur aus Brachfeldern besteht, man hat doch wenigstens den Muth dazu wiedergefunden, es zum Gegenstande systematischer Arbeit zu machen. Und das ist kein Wahn mehr, seit der Schienen­weg am Saume der Insel sich ausdehnt und seine Polypenarmc weiter und weiter ins Innere streckt, seit die Städteverwaltungen auf modcrucn Principien sich umzu­gestalten beginnen, uud vor Allem: seitdem Bädeker's rother Talisman dem Deutschen in jenem wildfremden Natur- und Volkswcscn die persönliche Sicherheit des intelli­genten Menschen verleiht.

Ein ähnlicher Culturapostel, aber im schönsten Festgewande, und zugleich ein an­muthiger, lehrreich fabulirender Cicerone und malerischer Erzähler ist das Prachtwerk, dessen wir heute zu gcdeuken haben. — Ein ausreichendes. Lern- und Gcschmacks- bcdürfniß in Einer Gestalt befriedigendes Buch über die von Segen und Fluch so vielfach heimgesuchte Insel, dieses erratische Stück Orieut am Saume der mittelländischen Welt, ist eine nngemein schwierige Aufgabe. Das Unternehmen wird nur durch die bestrickende Schönheit des Locals und durch den Glauben an die Zukunft eines be­gabten, aber arg verkommenen Volksstammes angenehm gemacht; an sich ist es überaus mühselig und mnß noch unendlich viele Vorbedingungen abwarten, ehe es den rechten abschließenden Erfolg haben kann. Aber lockend ist es doch, vor die schweigenden Züge dieser Sphinx zu treten, um ihre Räthsel zu lösen, und es ist auch lohnend: das beweist die vorliegende schöne Arbeit. In erwünschtestem Maße vereinigen sich die manigfaltigen Kenntnisse, die vielseitige Empfänglichkeit, der Sinn für Gegen­wärtiges und Vergangenes in dem Verfasser dieser Schilderung von Land und Leuten Siciliens, (dessen Namen wir für Pseudonym zu halten ersucht sind), und wo seine gewandte Feder aufhören muß, sich selber zu genügen, da stellt sich der Genosse ein, um als überzeugenderer Dolmetscher die Dinge selbst vor Augen zu führen. In der Form eines ausgearbeiteten Touristentagebuchs, das an allen wichtigen Punkten reiche, von feinem Verständniß zeugende Excurse einwebt ohne zu ermüden oder zu zerstreuen, wird der Leser in die Welt von Erscheinnngen, in die Frenden und Leiden, die monumen­tal gewordenen Erinnerungen, in die täglichen wie in die ungewöhnlichen Begebenheiten eingeführt, welche das Leben und die Geschichte des wundersamen Eilandes formen. Je nach dem Stoffe ernst uud heiter, skizzirend oder tief eingehend weiß der Schilderer immer das Charakteristische ins Licht zu setzen und trotz der Fülle der Eindrücke ein-