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Ulrich Zwingli.
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andere Weise bereits überholt hätten, sondern weit mehr ist dies der Grund, daß die Reformation Martin Luthers wesentlich eine That des deutschen Geistes gewesen ist. die nur in Ländern vorherrschend deutschen Blutes außer­halb des Vaterlandes sich Eingang verschafft hat, eine That fast mehr von nationalem als von theologischem Charakter. Und so müßte uns auch eine Lebensbeschreibung den Mann nicht blos schildern als Gegner des Ablaß­handels und als Urheber der Lehre vom knechtischen Willen, sondern sie müßte zeigen, wie sein Leben eine Verkörperung war von deutscher Art und Sitte, das seiner Zeit angehörte und ihr seinen Tribut bezahlte, aber in wel­chem wir die unverlierbaren Züge unseres Volksthums wiederfinden, dessen ganze Wiedergeburt und Zukunft auf sein Werk gegründet ist.

An dasjenige Luther's gehalten, ist das Leben Zwingli's einfach zu nennen, beschränkter im Schauplatz und in unmittelbarer Wirksamkeit, und leichter läßt es sich ablösen von dem größeren geschichtlichen Zusammenhang. Stetig reift es heran, ohne jene gewaltigen inneren Krisen wie ohne jene dramatischen Scenen auf der öffentlichen Bühne, welche schon dem Kind un­vergeßlich bleiben, wenn es den Namen Luther gehört hat. Klug und ent­schlossen zugleich thut Zwingli seine Schritte, inmitten eines Gemeinwesens, das ihn trägt und dessen Leitung ihm wie von selbst zufällt. Festgewurzelt in diesem Mittelpunkt greift sein Werk weiter um sich in Stadt und Land, es zielt auf die Erneuerung seines ganzen Volksstamms, und wenn nicht vollendet, so steht es doch sestgegründet und unzerstörbar da, als ein helden- müthiger Tod ihn auf die Wahlstalt streckt. So hat Mörikofer. der ver­diente Geschichtschreiber der schweizerischen Literatur im vorigen Jahrhundert, das Leben Ulrich Zwingli's beschrieben, einfach, anspruchslos, mit gelehrtem Fleiß und doch für's Volk bestimmt. Die äußeren Lebensschicksale wie der innere Bildungsgang, Anfang und Fortgang der resormatonschen Thätig­keit, Ausbreitung wie Hemmnisse der neuen Lehre bis zum bewaffneten Con­flict und zur Schlußkatastrophe, das Alles ist mit ruhigem, sicherem Griffel erzählt, meist in chronologischer Ordnung. Abschweifungen sind mit Recht vermieden. Man wird weder mit Ausführungen über den Zustand der Kirche im Allgemeinen, noch mit solchen über die politische Weltlage behelligt; auch die theologischen Abschnitte sind kurz und sachgemäß behandelt. Der erste Band schließt mit einer allgemeinen Charakteristik von Zwingli's Per­sönlichkeit und Wirken, die am Schluß des ganzen Werks wieder aufgenom­men und noch genauer durchgearbeitet ist.

Mit Recht gilt Zwingli nicht blos als der Urheber der schweizerischen Kirchenversammlung, sondern auch als politischer Reformator seines Landes. Und zwar ist er dies nicht blos insofern, als mit der Reformation auch die bürgerlichen Verhältnisse der Schweiz einen Umschwung erlitten und die