433
dern für eine Zeitlang an die Spitze der altrussischen Adelspartei stellte und dieser die leitenden Gedanken für ihr Thun und Lassen eingab. — Hören wir zunächst was der Pommer Conrad Madebusch, weiland Bürgermeister von Dorpat und Verfasser einer deutschen Neichsgeschichte, in seiner ungedruckten, bändereichen livländischen Adelsgeschichte von dieses merkwürdigen Mannes Politischen Anfängen erzählt: „Herr Heinrich Fick war, wie man mir gesagt hat, Rathsherr zu Flensburg, ehe er bei der holsteinischen Armee Dienste that. Es ist eine Verleumdung, wenn man sagt, daß er ein schwedischer Musterschreiber gewesen, ob ihm gleich solches in einer Schrift bei dem liv- ländischen Hofgerichte vorgeworfen worden. Er war aber in holsteinischen Diensten zuerst Commissar. hernach Regimentsquartiermeister, ehe er in des russischen Monarchen Peters I. Dienste trat. Dieser Fürst brauchte ihn in sehr geheimen Verrichtungen und schickte ihn nach Schweden. Unter anderen Aufträgen mußte er von den schwedischen Einrichtungen in Commerz-, Polizei- und Finanzsachen sich einen Begriff machen und alle dahin einschlagende Verordnungen sich anschaffen, damit er in Rußland eben diese Einrichtungen machen möchte, welches er auch that und dafür mit ansehnlichen Gütern in Livland belohnt ward. Der Kaiser änderte zwar hernach diese Einrichtung in einigen Stücken, weil er wohl sah, daß sie sich auf Rußland nicht passen wollte, allein Fick ward Kammerrath und blieb im guten Wohlstande bis zur Zeit der Regierung der Kaiserin Anna. Im Jahre 1721 und 1722 be- fand er sich zu Moskow und war bei dem Herzoge Karl Friedrich von Holstein, der sich daselbst aufhielt, sehr beliebt. Er wohnte nicht weit von dem fürstlichen Quartiere und war so oft bet Hofe, daß Berkholz ihn unsern oder des Herzogs ordinairen Gast nennt. Am 13. Januar 1722, so meldet derselbe Berkholz*), ging der Herzog gegen Abend zum Geheimenrathe Basse- witz, wo er Stancken, Fick und Negelein in aller Andacht bet einem guten Glase Champagnerwein antraf, wobei sie sich allerhand lustige Histörchen erzählten. Der Herzog setzte sich an einen besonderen Tisch, verlangte Tinte, Feder und Papier und sagte, es wäre Schade, daß alle diese artigen und saftigen Histörchen vergessen werden sollten; er wolle dieselben zum Protocoll nehmen und bei anderen wichtigen Sachen im Archive wohl verwahren. Da nun der Herzog anfing, ein ordentliches Protocoll zu halten, jene aber herzlich vergnügt bei ihrem Wein saßen und einander die lächerlichsten Histörchen erzählten: so ist nicht zu beschreiben, was darin verzeichnet ward. Der Herzog blieb bis gegen eilf Uhr in dieser Gesellschaft, und als er sich nach Hause begab, nahm er das schöne Protocoll mit sich, um es am folgenden Tage ins Reine zu bringen und ein wenig damit die Zeit zu verbringen.
') Verfasser eines bekannten für die russische Geschichte wichtigen „Tagebuchs" aus den zwanziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts.
Grenzbotm II. 1869. 65