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Briefe aus Neapel. III.
Pompeji, Januar 1869.
Durch unendlich lange Durchschnitte grauschwarzer Schlammgüsse, Aschenregen und schlackiger Laven hindurch (oft 40' mächtig), endlich über ein spärlich bebautes freies Feld, gelangt man an die Schuttböschungen, welche die Lage des nun zum Drittel wieder aufgedeckten Pompeji schon von Ferne kennzeichnen, Sie gleichen den Halden in den Umgebungen der Bergwerke.
Und nun traten wir, einen mäßigen Hügel ersteigend, durch die portu, marina, in die stille Stadt, durch deren Straßen in diesem Augenblicke wol nur sechs Personen mit uns wandelten. Wie oft hat dies Thor an Festtagen Tausende buntgeschmückter fröhlicher Menschen in die grünende Ebene, an den Meeresstrand hinausgesandt! Heute — es war ein Festtag — empfing uns eine wunderbare feierliche Ruhe unter seinen Wölbungen. Pompeji ist mit Nichts in der Welt zu vergleichen. Auch nicht mit einer ausgebrannten Stadt, wie man so oft thut; denn was stehen geblieben ist, ist Alles reinlich und sauber bis auf das Pflaster hinunter erhalten. Es ist ganz einzig in seiner Art, und der Eindruck, den es macht, stärker als irgend einer, den man sonst wol von den Spuren und Resten antiken Lebens empfängt. Denn die Reste Pompeji's sind unvermischt und unverwandelt erhalten; was wir sehen und berühren, ist antik; das Moderne, das sich an die alte Stadt herangedrängt hat, ist unserem Blicke durch die umgebenden Schutzwälle entzogen; wir sehen nur, was ein Pompejaner aus Titus'Zeiten auch sah, die Stadt, den Himmel, den Vesuv, den St. Angelo und das Meer; wir be- schreiten dasselbe Pflaster, das Cicero und Sallust, Pansa und Andere mehr betreten haben. Und das antike, Leben vermittelt sich uns hier nicht durch die idealisirende Kraft der Künstler oder die Reflexion der Literaten, der Dichter und Gelehrten: in all' seiner Naivetät, seinen tausend Zufälligkeiten, mitten in seinem alltäglichen Laufe ist es überrascht, begraben, conservirt worden. Es bedarf nicht der wegräumenden, es bedarf nur der ergänzenden und belebenden Phantasie, um hier die Fülle der Anschauung zu haben. Dieses einzige Schauspiel gewährt auch Rom nicht. Vor Allem: die Menschen rücken uns hier so nahe, daß wir mit ihnen lächeln können, daß wir über sie weinen müssen. In einem furchtbaren Momente sind sie aus ihren Wohnungen, aus ihren Straßen, an welche die Erinnerungen der Jugend sie fesselten, auf Nimmerwiederkehr hinausgetrieben worden, und jedes fremde Auge darf nun ihre Heimlichkeiten, die Intimitäten ihres Lebens belauschen. Wir begaben uns zunächst — und es liegt dem Seethore auch am nächsten —