Beitrag 
Die beiden Generalstabswerke über den Krieg von 1866.
Seite
2
Einzelbild herunterladen
 

2

Minuten dehnen sich zur Ewigkeit und Stunden vergehen wie Secunden. Selten hat der Commaudirende die Muße und Ruhe, in entscheidenden Augenblicken nach seiner Uhr zu sehen, und es ist eine gewöhnliche Erschei­nung, daß zwei Berichte über dasselbe Ereigniß, z. B. gleichzeitiges Eintreten zweier Compagnien in ein Dorfgesecht, ganz verschiedene Tagesstunden angeben. Ob der Feind einmal oder öfter in den Besitz eines wichtigen Terrainabschnittes gekommen und ob er um Mittag von Bataillon A. oder um 2 Uhr von Bataillon M. vertrieben worden, bleibt vielleicht jahre­lang Gegenstand eifriger Erörterung. Wer zuerst eine Schanze erklettert, in eine Batterie gedrungen, ist oft gar nicht festzustellen, was gleichzeitig und was hinter einander geschehen bleibt nicht selten den Handelnden selbst ganz undeutlich. Oft wird nicht einmal der Ort klar, wo ein wichtiges Ereigniß stattgefunden. Hat das tapfere Regiment den Feind aus Langenhof, oder aus Stresetitz herausgeschlagen? - Niemand im Regiment weiß es: erst kam ein Hohlweg, dann ein weißes Gehöft, dann der Angriff, dann kurze Rast, dann weiteres Vorrücken. Sucht einige Wochen später nach: es sind mehrere Hohlwege und viele weiße Gehöfte; vielleicht standen Weidenbäume in der Nähe: sie sind am Abend jenes Tages von andern Truppen beim Bivouak gefällt. Dazu kommt, daß Auge und Ohr in diesen Stunden der höchsten Spannung eigenthümlichen Störungen unterworfen sind und daß auch sehr wahrhafte und feste Männer der Gefahr unterliegen, in das, was sie gesehen und erlebt haben, auffallende Täuschungen der Sinne und der Phantasie hineinzutragen. Fast Jedem begegnet, daß einzelne Wahrnehmungen ihm übermächtig werden und die gleichmäßige Auffassung des Gesichtsbildes beirren. Der Eine sah den Commandeur fallen, der Andere, welcher dicht daneben stand, ihn fortreiten; der eine Rapport spricht von Wolken feind­licher Cavalerie in Schußweite, der andere leugnet vor demselben Ereigniß jeden Pferdefuß im Gesichtsfelde. Während der Schlacht bei Königgrätz wundert sich ein tüchtiger Commandeur, daß es so still rings um seine Truppe ist, gar kein Geschützseuer zu hören: er reitet wenige Schritte und sieht dicht neben sich 48 Kanonen in eifriger Arbeit. Endlich aber und dies ist die häufigste Schwierigkeit wird der Mithandelnde durch die stärksten Motive des Ehrgeizes und der Selbstliebe getrieben, seinen Antheil an der Aetion zu überschätzen, Mißerfolge zu verdecken, errungene Vortheile als groß und bedeutsam darzustellen, er färbt zuweilen mit Absicht; aber auch der ehrlichste Bericht erhält leicht einen Zusatz, der erst chemisch auszuscheiden ist, bevor der Bericht brauchbar wird.

Ein officielles Werk, welches aus solchem massenhaften Detail zusammen­gesetzt werden muß, fordert viel Menschenkenntniß, Tact und Scharfsinn des Schreibenden. Es wird dennoch darauf verzichten müssen, eine genaue und