Die Restitution Verlorner Kunstwerke für die Kunstgeschichte.
Wer sich den außerordentlich großen Reichthum antiker Kunstwerke, namentlich von Sculpturen, die uns noch erhalten sind, vergegenwärtigt, wer ein großes Museum, die „Welt von Statuen" des Vatican oder die Gipsabgüsse des neuen Museums in Berlin durchgeht, wer auch nur ein paar Hauptkupferwerke durchblättert und sich dabei an die großen Künstler und Kunstwerke erinnert, von denen die alten Schriftsteller Meldung thun, aus deren Nachrichten wir uns das Gerüst der alten Kunstgeschichte zusammensetzen müssen, dem drängt sich die unerfreuliche Beobachtung auf, wie unver- hältnißmäßig wenig, wie fast gar nichts von dem, was einen großen Namen in der alten Kunstgeschichte führte, leibhaftig auf uns gekommen ist. Wie hart die Zeit auch mit den Werken der alten Literatur verfahren, wie viel Großes und Schönes auch zerstört ist: wir kennen Homer, Pindar, Aeschylus, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Herodot, Thukydides, Platon, Aristoteles, wir kennen Catull, Virgil, Horaz, Cicero, Tacitus — und wie lang ließe sich diese Reihe noch ausdehnen — aus ganzen erhaltenen Werken und von vielen Schriftstellern lassen Bruchstücke die Individualität noch erkennen. Wir können uns von der Literatur der Alten nach den wesentlichen Phasen ihrer geschichtlichen Entwicklung, nach den charakteristischen Erscheinungen ein Bild entwerfen, das zwar große Lücken und starke Ungleichheiten bietet, aber der Hauptsache nach aus eignen Anschauungen hervorgeht. Treten wir aber aus den Bibliotheken in die Museen, so sehen wir uns nach Phidias olympischem Zeus und seiner Athene, nach Polyklets Götterkönigin, nach Praxiteles Aphrodite und Eros, nach Skopas Apollo und Bacchus, nach Lysippus Herakles vergebens um, von den Werken der Malerei, von Polygnots Zerstörung Troias, Apel- les Aphrodite, Timanthes Jphigenia, Timomachos Medea gar nicht zu reden. Und doch kann die Geschichte der bildenden Kunst, soll sie nicht ein Spiel Mit Worten ohne Inhalt und Bedeutung bleiben, der Anschauung so wenig entbehren als die Literaturgeschichte der Lecture; sie muß alle Hilfsmittel aufbieten, um von den Meisterwerken, welche die Marksteine ihrer fortschrei- Grenzbotm II. 1868. 11