Die preußische Politik m der schleslvig-holsteinischen Sache.
Der plötzlich erfolgte Thronwechsel in Kopenhagen und seine Folgen mußte in Preußen sehr verschiedene Empfindungen rege machen. Niemand konnte es sich verhehlen, daß die hochgesteigerte Spannung des innern Conflictes einer raschen und entschiedenen Action nach Außen hin wenig günstig sei; andrerseits aber durfte man sich der Hoffnung hingeben, daß gerade die Nothwendigkeit raschen Handelns in einer Sache, in der nicht nur Deutschlands Recht, sondern auch Preußens Interesse und Ehre auf dem Spiele stand, dahin wirken werde, die Schroffheit der vorhandenen Gegensätze zu mildern und in dem gemeinsamen Streben aller Parteien nach einem Ziele einen Einigungspunkt zu einer völligen Ausgleichung der schwebenden Differenzen zu finden. Diese Hoffnung, die" wie ein Lichtstrahl Preußen durchzuckte und die auch von solchen getheilt wurde, die eher geneigt waren, sich hoffnungsloser Resignation, als optimistischen Illusionen hinzugeben, sollte bald enttä-uscht werden. Es war ein Irrthum, daß in dieser Frage alle Factoren des Staatslebens einig sein würden, ein Irrthum, daß die Größe der Aufgabe, die in klarster Bestimmtheit an die Leiter der preußischen Politik herantrat, ohne Schwierigkeit alle Antipathien überwinden und rasch jedes Widerstreben, eine von populärer Begeisterung getragene Sache zu vertreten, überwältigen würde. Während man in der ersten Zeit nur Besorgnisse hegte, ob die Negierung in dieser Sache mit der Entschiedenheit vorgehen würde, die einen raschen, und wie die Haltung der europäischen Cabinete jetzt wohl unzweifelhaft macht, unblutigen Erfolg verbürgen konnte, während man also glaubte, daß es nur eines ermutigenden Entgegenkommens bedürfen werde, um der Regierung die aus der innern Lage etwa abgeleiteten Besorgnisse vor einem auswärtigen Conflicte zu benehmen, mußte man sehr bald die Erfahrung machen, daß die preußische Politik in ihrer Grundauffassung der ganzen Angelegenheit von der durch die Nation geförderten Lösung merklich abwich. Es mußte diese Wahrnehmung um so auffälliger erscheinen, da, wenn es sich gleich in der schleswig-holsteinischen Sache zunächst um ein deutsches Interesse handelte, doch auch von rein preußischem Standpunkte aus ein schleuniger Rücktritt von dem londoner Protokolle und die sofortige Anerkennung des Herzogs Friedrich so augenscheinlich geboten war, daß ein
Grenzbotcn I. 1864. 26