Zwei süddeutsche Dichterbücher.
Münchener Dichterbuch. Herausgegeben von Emcmucl Gcibel. Stuttgart, 1863. Deutsches Dichterbuch aus Schwaben. Herausg. v. Ludwig Secger. Stuttgart, 1864.
Ein Musenalmanach gleicht unsern. Kunstausstellungen. Der Zufall hat die Bilder in Einem Saale zusammengeführt. Der Kreis der Einsender erstreckt sich meist so weit, als die persönlichen Verbindungen der Unternehmer reichen. Ein jeder schickt dann ein, was er eben Fertiges auf seiner Staffelei hat. Man würde nicht selten einem Künstler Unrecht thun, ihn nach der Leistung zu beurtheilen, die er gerade dem Publicum vorlegt. Man wird noch mehr mit dem Urtheil zurückhalten müssen, wenn man allgemeine Resultate ziehen und etwa den Höhepunkt der Leistungen einer ganzen Schule oder gar der modernen Kunst überhaupt nach der Physiognomie der Ausstellungswände bemessen wollte. Es ist ein absolut Unbekanntes, dem derjenige entgegengeht, der seine Eintrittskarte gelöst hat, und, bevor er sich aus dem Katalog oder einer Zcitungskritik unterrichtet hat die Säle betritt. Je reicher die Ausstellung ist, je bunter die Bilder durcheinanderhängen, um so mehr wird er Zeit brauchen, sich einigermaßen zurecht zu finden, und das Bedeutende von der mittelmäßigen Menge auszuscheiden. Zunächst wird er den paar großen Hauptbildern sich zuwenden, die schon durch ihre Dimensionen besonders ins Auge fallen und die jedesmal sich vorzufinden pflegen. Sie geben der Ausstellung ihr hervorstechendes Gepräge, sie sind die hauptsächlichen Objecte der Kritik. Dann wird sich der Neueiutretende am leichtesten nach den schon bekannteren Namen oricntiren. Er wird sich frage», ob die jüngsten Leistungen dem Ruf und der hergebrachten Classification des Künstlers entsprechen, ob sie namhafte Fortschritte bezeichnen oder die recipirten Kategorien umstoßen. Endlich aber — und dies ist für den Kritiker die ganz besondere Aufgabe — wird er den neu- aufgetauchten Talenten nachgehen müssen, die sich an die Seite der berühmteren Namen gewagt haben, und prüfen, ob sich bei ihnen zukunftreiche, vielversprechende Keime entdecken lassen. Erst dann läßt sich ein begründetes Urtheil Grcnzboten I. 1864. 6