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Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß Vegas mit jenen malerischen Talenten, von denen im zweiten Artikel die Rede war, viel Verwandtes hat. Auch er will auf seinem Felde nur durch die Erscheinung wirken, in welcher warm und ergreifend das innere Leben bis in die Haut, bis in die Fingerspitzen pulsirt und ganz der Ausdruck eigener Empfindung ist. Die Plastik unserer Zeit ist insofern den umgekehrten Weg der Malerei gegangen, als sie sich zu eng an die Regeln der überlieferten Muster gehalten und es darüber zu einer selbständigen phantasievollen Anschauung nicht gebracht hat. Es ist daher ein für ihre Fortbildung günstiger Rückschlag, wenn sie nun in die eigene Empfindungsweise des Künstlers und Zeitalters einkehrt und zur Natur zurückgreift, um so von hier und von innen heraus die ideale Welt der Antike mit dem Hauche unseres Geistes neu zu beleben. Dies steht nicht im Widerspruch mit der früher gestellten Forderung, daß sich die Gegenwart an den großen Epochen der Kunst zu bilden habe: denn nur so ist ja diese Bildung gemeint, daß jene sich von dieser die Gesetze, die Bedingungen der Darstellung aneignen lerne, eben um den Inhalt unseres Daseins zum Ausdruck zu bringen. Diesen also, seine Anschauung des Lebens soll der Künstler nicht aufgeben, sondern im Studium der alten Kunst läutern und in die gediegene Erscheinung eines für alle Zeiten giltigen Lebens erheben lernen. Auch Begas wird diesen Weg machen müssen, um zur Meisterschaft durchzuringen.
Die Stellung, welche die Gegenwart zur Architektur und ihren verschiedenen Stylen einnimmt, so wie die Weise, wie sie ihre heutige Aufgabe an die geschichtliche Ueberlieferung anknüpfend lösen könne, ist schon in den Artikeln über die Maximiliansstraße (Nr. 23. 24. 25. dieses Jahrgangs) berührt; wir müssen hier darauf zurückkommen. Von Plänen in dem neuen Stile, mit welchem nun die bayerische Hauptstadt die Welt beglückt und die Kunstgeschichte bereichert hat, hatte sich nichts eingcfunden, wenn man nicht etwa das fabelhafte, in wirrer formloser Häufung aller möglichen Motive aus dem Nüchternen ins Phantastische taumelnde Lustschloß von Bern atz hierher rechnen will. Die Neuerer.auf diesem Felde zählen nicht zu jenen aufstrebenden Talenten, denen es mit der Kunst, als der Welt der schönen und ausdrucksvollen Erscheinung Ernst ist. vielmehr stehen sie im Gegensatz zu diesen. Das Verhältniß hat sich hier umgekehrt: die Idee einer neuen Stilbildung ging von der Münchener Akademie aus und wurde von Architekten aufgenommen, denen es, wie wir in jenen Artikeln gesehen, um die Kunst als solche wenig zu thun war, während die künstlerisch gebildeten Baumeister, wie die Semper und Hansen, die lebendige Fortentwicklung des uns überlieferten Stils betreiben, der unsern Bedürfnissen am' leichtesten sich fügt und aus der Vergangenheit seine noch kräftigen Wurzeln fruchtbar in die Gegenwart hinüberschlägt. Die Baukunst, welche enger wie jede andere mit der ganzen Weltanschauung des Zeitalters,