Die deutsche Landtvirthschast sonst und jetzt
von
Reinhard Schaum. 1.
Lord Palmerston sagte einmal in einer landwirtschaftlichen Versammlung, indem er den Fortschritt der Zeit pries: „Wir Alten erinnern uns der Tage, da man das Getreide mit Dreschflegeln ausklopfte, weil die Maschine noch nicht da war; davon habt Ihr Jüngeren kaum ein Bewußtsein."
Soweit sind wir in Deutschland freilich noch nicht. Trotz Arbeitermangel und Abmahnen unermüdlicher Stimmen klappert das Holz zumeist in der Tenne des Bauern, hört man in grauer Morgendämmerung den Dreischlag alter Gewohnheit. Auf den Höfen größerer Güter und den Domainen rädert der Dampf in wenigen Wochen die Jahresernte aus dem Halm: der Bauer klopft sich müde den ganzen Tag und läßt für die Hühner noch satt Futter im Stroh. Aber auch er ist vorangeschritten. Keineswegs ganz billigend würden die Väter, welche seit dreißig Jahren auf dem Gottesacker schlummern, in Haus, Hof, Stall und Feld recensiren, und noch immer geht die Wandelung des alten Brauchs, die Verdrängung des zur zweiten Natur gewordenen Herkommens langsam, aber unaufhaltsam in der deutschen Landwirthschaft weiter. Was vorwärts schritt und was sich änderte, der Bauer sahs seit etwa einem Menschenalter allmälig kommen. Anfangs blieb er scheu der Sache fern; dann, als es rings um ihn vom Werden zum Sein überging, wurde er dreister, bis er sich endlich ein Herz faßte und die Neuerung auch probirte — das, ist seit zehn oder zwanzig Jahren.
Und war der Bauer zäher und träger als der gebildetere Gutsherr?
Noch im Jahre 1824 wurde Koppe von einem lithauischen Landwirthe darüber befragt: „wie man es anzufangen habe, daß die Schafe die Kartoffeln verzehrten, die seinigen wollten sie nicht annehmen?" Und in Thaers: „Einleitung zur Kenntniß der englischen Landwirtschaft" wird von einem Farmer erzählt, der (1775) sich darüber Gewißheit schaffen wollte, ob wirklich große Heerden
Grenzboten IV. 1863. 41