Jacob Grimm.
Scharfsinn und treuer Fleiß sind die Factoren, die den normalen und stetigen Fortschritt der Wissenschaft bedingen. Mit ihnen gerüstet sehen wir Tausende von Gelehrten in ununterbrochener Emsigkeit geschäftig, die einzelnen Probleme, eins nach dem anderen, zu erledigen. Wie verschieden der Grad und die Art ihrer Begabung und ihrer Leistungen sein mag, für sie alle gibt es ein gemeinsames Maß, und ebenso ist der Charakter des so geschaffenen Fortschrittes im Ganzen ein ähnlicher. Aber von Zeit zu Zett — sparsam im Laufe von Jahrhunderten — sendet ein gütiger Genius einen bevorzugten Geist herab, der sich diesem Maßstabe entzieht, in dem jene beiden Cardinaleigcn- schaftcn des Gelehrten erst als Momente zweiten Ranges erscheinen, der mit dem Jnstincte und der Productivität des Genies ganzen Wissenschaften neue Grundlagen schafft, neue Perspektiven eröffnet, ja ganze wissenschaftliche Disciplinen für den Blick des Fernerstchenden scheinbar neu hervorzaubert. Zu diesen Männern, die für alle Zeiten als Eckpfeiler eingefügt stehen in der Geschichte der geistigen Entwicklung, gehörte Jacob Grimm, ja auch unter diesen Bevorzugten wird er stets einen hervorragenden Platz einnehmen. Denn Wenigen von ihnen wird vergönnt gewesen sein, das neue Gebiet, das sie geschaffen, selber, wie er gethan, fast bis zur Vollendung auszubauen und selber bis ins hohe Greiscnalter hinein mit der Rüstigkeit eines Jünglings die Herrschaft über dasselbe in Händen zu behalten. Wenigen serner wird vergönnt gewesen sein, mit ihrer Wissenschaft dem Herzen des Volkes, dem sie angehörten, so nahe zu treten, wie Jacob Grimm es mit der seinen that, und schon bei ihren Lebzeiten die Verehrung und die Liebe ihrer Nation in dem Grade zu gewinnen, wie Grimm sich ihrer eine lange Reihe von Jahren hindurch erfreut hat.
Jacob Grimm ward am 4. Januar 1785 in Hanau geboren. Als er ungefähr sechs Jahre alt war, ward sein Vater als Justizamtmann nach Stein.au an der Straße versetzt und an diese „wiesenreiche, mit schönen Bergen umkränzte" Gegend knüpften sich bei ihm die lebhaftesten Erinnerungen seiner Kindheit. Früh äußerten sich seine ungewöhnlichen Anlagen. „Die Mutter
Grenzboten IV. 1863. 36