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broclnier Sessel, dessen Polster abgerissen war. Ich setzte mich an dieses Musikgerüst und merkte bei den ersten Griffen, daß eine Menge Tasten nicht anschlugen, weil die Saiten gesprungen waren. Der Italiener begann. Er hatte sich die schwierige Aufgabe gestellt, mit Schülerinnen, welche die Noten nicht kannten, einen Chor einzuüben. Das war harte Arbeit! Er wollte erst die Stimmen einzeln vornehme»; aber das eine Mädchen weigerte sich durchaus zu singen, das andre stieß wahrhaft markerschütternde Töne aus, und die übrigen jagten einander inzwischen jubelnd und lächelnd in der Stube und auf dem Gange umher. So sehr ich auch die schwachen Kräfte des Pianos in Anspruch nahm, und so nachdrücklich Oliva seine Geige bearbeitete, es wollte kein Geschick in die Sache kommen. Ich stand daher auf, trat vor die jungen Damen hin und bemühte mich, ihnen einige Vorstellungen vom Tacte beizubringen. Sie nahmen meine wohlgemeinten Aeußerungen mit so herzlichem Kichern auf, daß ich betroffen zu meinem Piano zurückkehren mußte. Jetzt gab der Italiener dem ganzen Chor das Zeichen zum Beginn. Geige und Piano thaten ihr Möglichstes; aber welches Schreien, Kreischen und Quieken! Ich dankte Gott, als dieser Strudel von Mißtönen in ein Gelächter umsetzte, mit dem die ganze Damengesellschaft schließlich davonlief.
„Aber das ist ja entsetzlich !" sagte ich zum Italiener. „Wie können Sie denn solchen Unfug dulden?"
„Ja, das ist einmal nicht anders." antwortete er, indem er etwas betreten seine Geige einpackte.
Ich merkte recht wohl, wie die Sache stand. Der Principal hatte uns keinen festen Gehalt, sondern zwei Drittel der Stundengelder von unsern Schülerinnen zugesichert, indem er das letzte Drittel für Kost und Logis selbst behalten wollte. Hätte man daher sein Ansetzn als Lehrer geltend zu machen versucht, so wären die Schülerinnen weggeblieben, und der Lehrer hätte den Hauptverlust gehabt.
3. Wie cs sonst im Institute zuging. Der Italiener übergab mir seine Geige, um sie in unsre Stube zu tragen, weil er erst noch etwas besorgen wollte. Ich glaubte, er wolle auf die „Suche" gehen; denn er hatte sich stark auf das „Finden" gelegt. Er hatte nämlich Augen wie ein Luchs und durchstöberte nach Beendigung der Stunden alle Schullocale und Wege, auf denen die Ladies gegangen waren, um aufzulesen, was sie etwa verloren hatten. Auf diese Weise trug er ein wie ein Hamster — Schleier, Taschentücher, Fächer, kurz alles nahm er an sich. Einmal brachte er sogar eine prächtige goldne Brvche, die ein sehr reiches Mädchen verloren hatte. Während diese sich noch die Augen müde suchte, war die Broche längst in einem aufgestülpten Handschuh des Italieners geborgen. Damals war"er jedoch beim Principale gewesen, um mit ihm Rücksprache zu neh-