Beitrag 
Ein neues Bild von Horaz.
Seite
499
Einzelbild herunterladen
 

439

Ein neues Bild von Horaz.

Quintus Horatius Flaccus. Ein Blick auf sein Leben, seine Studien und Dich­tungen von S. Karsten, Prof. zn Utrecht. Ans dem Holländischen über­setzt und mit Zusätzen versehen von M, Schwach, Prof. zu Prag. Leipzig und Heidelberg. C. F. Wintersche Vcrlagsbuchhandl. 1863. 132 S.

Der Versasser obiger Schrift bezeichnet Horaz unter Anderm auch als Nationaldichter und motivirt dies damit, daß derselbe Roms Größe und Nuhm, seine ausgezeichneten Männer und Thaten gefeiert, uns ein Bild von dem Leben und den Sitten der großen Weltstadt im Zeitalter des Augustus ge­schaffen habe. Wir würden gegen jene Bezeichnung nicht viel einzuwenden ha­ben, wenn es erlaubt wäre, den Begriff einer Nation auch nach Cäsar noch auf Rom anzuwenden, was der Verfasser aber selbst durch das WortWelt­stadt" auszuschließen scheint.

Noch unrichtiger wäre es, wenn man Horaz einen nationalen Dichter nennen und damit seine Poesie als Ausdruck italischen Geistes und Charak­ters auffassen wollte. Denn einmal hat es solche rein italische Dichter niemals gegeben, da schon Ennius sich an griechische Vorbilder anlehnte, und sodann war das Rom, in welchem die Poeten der augusteischen Epoche sangen, schon längst seiner ursprünglichen Natur verlustig gegangen, und, wie einst Hellas durch Alexanders Eroberungszug zum orientalischen Reiche, zu einem großen, alle Völker der Mittelmeerländer vereinigenden und mit einander mischenden Weltreiche geworden. Die römische Bildung und Literatur war, dieser politi­schen Entwickelung parallel, einen ähnlichen Weg gegangen wie die griechische. Sie war in der Zeit des Horaz das, was die griechische geworden wäre, wenn die Monarchie Alexanders Bestand gehabt hätte. Mit dieser gingen auch die Ansätze zu einer ihrer Natur entsprechenden Literatur zu Grunde. die eine hel­lenisch sich nennende, aber wesentlich entnationalisirte, nicht aus volksthümlichem Boden erwachsene, sondern von oben her angeregte Weltbürger-Literatur ge­wesen sein würde. An die Stelle dieser Literatur trat aber nach dem Zerfall des Reiches Alexanders nicht wieder die altgriechische. Die hellenische Nation war mit ihrer Sprache und ihrer Kunst für immer gestorben. Ihre Literatur wurde fernerhin nur noch von Gelehrten gepflegt, und was diese außer Inventarien und Glossarien des reichen Erbtheiis erzeugten, bestand in Productcn nicht der Kunst, sondern des Kunstfleißes. Der Alexandrinismus ist nur eine künst­lich herbeigeführte Nachblüthe der untergegangnen griechischen Volksliteratur.

63"