118
unserer deutschen Hoffnungen ist und bleibt, mit unserer Kritik zu begleiten. Wir werden sprechen so maßvoll und besonnen wie ein Patriot reden kann Angesichts der schweren Zukunft, der wir entgegengehen. Sollte das Uebelwollen des Ministeriums Bismarck auch die grünen Blätter ereilen: wir werden es hinnehmen müssen wie einen Hagelschiag. der liebste Theil unserer Aussaat wäre verloren, doch unser Witz weiß kein Mittel, dem Schlage vorzubeugen. Aber von dem „sittlichen Rechte des,Standpunktes" der gegenwärtigen preußischen Regierung sprechen, wie die Preußischen Jahrbücher thun, das wollen, das können wir nicht, und es ist uns eine traurige Pflicht, den Jahrbüchern zu sagen, daß an dieser Stelle unsere Wege sich scheiden.
H. v. Treilsckke.
Preußen und Polen.
Seit der Wortlaut der wichtigen Depeschen bekannt wurde, welche England, Frankreich, Oestreich nach Petersburg adressirten, sind die Befürchtungen vor einem Kriege Rußlands und Frankreichs verringert, welche man in Deutschland zu hegen Ursache hatte. Zu den sechs Punkten — allgemeine Amnestie; nationale Vertretung; die öffentlichen Aemter mit Polen besetzt; Polnisch als Amtssprache;^ Freiheit des Cultus; ein gesetzliches Recrutirungssystcin; — welche den Depeschen der drei Mächte gemeinsam sind, kommen von Seiten Englands und Frankreichs noch drei Vorschläge: Annahme dieser Punkte zur Basis der Untcrhandlungcn, provisorische Waffenruhe, Vereinbarung über die polnische Frage in einer Konferenz der acht Mächte, welche den wiener Vertrag unterzeichnet haben. Oestreich begnügt sich vorsichtiger, die Confercnz von der Ansicht Rußlands abhängig zu machen und den allgemeinen Wunsch auszusprechen, daß dem Blutvergießen Einhalt gethan werde.
Durch diese Zurückhaltung Oestreichs, welche in seinen eigenen politischen Verhältnissen wohl begründet ist und durch die Erklärungen im englischen Parlament, daß die polnische Frage keine Kricgsfrage sein solle, ist die Stellung der russischen Regierung eine wesentlich bessere geworden, als man annahm.
Und es liegt sicher im Interesse Nußlands, ohne Rückhalt auf die sechs Punkte einzugehen und diese Einwirkung des Auslandes, wie unbequem dieselbe erschienen sei, zur Regelung der polnischen Frage zu benutzen. -
Dagegen ist wenig Zweifeln unterworfen, daß das geheime Comitö in Warschau und die Emigration mit den sechs Punkten nicht zufrieden sind und eine Einstellung der Feindseligkeiten für sich verderblich erachten. Es liegt im Wesen jeder revolutionären Partei, daß sie ihren Einfluß nicht aus der Hand geben, ihre Thätigkeit nicht beschränkt sehen kann, und daß sie sich selbst übcr den Umfang ihrer Machtmittel verblendet. Die Politik, durch welche das geheime Comitö sich bis jetzt erhalten hat, besteht in einem Terrorismus, der nicht weniger hart und in seinen einzelnen Erscheinungen nicht weniger greulich ist, als die Unmenschlichsten russischer Befehlshaber. Die Rcvolutionspartei wurde fast uoch mehr als durch die Sympathien, welche sie im Lande fand, gefördert durch die falschen und unbehilflichen Maßregeln ihrer Gegner. Wenn es ihr gelungen ist, in Warschau selbst die Bevölkerung theils zu begeistern, theils einzuschüchtern, so reicht ihre Einwirkung auf das Land nur so weit, als die Strcifzüge ihrer bewaffneten Banden sich ausdehnen. Es ist ihr nicht geglückt, die Masse des Landvolks für sich zu gewinnen, sie wird im Geheimen von den einzel-