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Aus Rasaels letzten Lebensjahren.
Nach bisher unbekannten Quellen.
Die Einigung Italiens und die damit Hand in Hand gehende Erhebung der Nation in eine Sphäre freierer Bewegung, lebendigerer Bethätigung ihrer Kräfte, tieferer und reicherer Ausbeutung ihrer Schätze beginnt sich auch auf. den Gebieten der Literatur- und Kunstgeschichte mit jedem Jahre fühlbarer zu machen. Lange verschlossen gehaltene Bibliotheken thu» sich dem Forscher auf, Archive, bisher eifersüchtig bewacht, öffnen sich, um mit ihren Urkunden fortan die Geschichte zu erhellen, zu ergänzen und zu berichtigen. Viel Gutes ist schon zu Tage gefördert, mehr noch ist zu erwarten, selbst in Betreff solcher Perioden und Persönlichkeiten, über die wir vollständig unterrichtet zu sein glaubten. Bor uns liegt eine Reihe von Documenten, die der Marquis Giuseppe Cam- pori in dem Archiv der alten Familie Este zu Modena aufgefunden und unter dem Titel „Notsitz iusclite äi RgMello cla, HK-dino" soeben in Modena veröffentlicht hat. Kaum hätte man meinen sollen, daß sich über Nafaels Lebens- umstände nach all den hierauf bezüglichen sorgfältigen Nachforschungen und deren Ergebnissen noch Neues von Bedeutung finden würde. Und dvcb ist dies der Fall. Camporis Documente sind Zeugen dafür. Wir lernen in ihnen einen neuen Gönner des großen Malers kennen. Sie lichten gewisse Dunkelheiten in dem inneren Leben Leos des Zehnten. Sie lösen endlich mehre wichtige Fragen der Kunstgeschichte, die ohne sie nie ihr Ende erreicht hätten. Viele sehr werthvolle Schöpfungen Nafaels aus seinen letzten Jahren sind uns erhalten, aber sein Leben in dieser Zeit fand sich für uns nur noch in allgemeinen Umrissen verzeichnet. Mit freudiger Ueberraschung wird daher jeder Kunstfreund die ausführlichen und authentischen Aufschlüsse begrüßen, die uns durch das Archiv des Hauses Este über diese Periode jenes großen Lebens geboten werden, und so mögen einige Auszüge aus denselben hier am Orte sein. Zunächst über die Persönlichkeit, die jetzt zum ersten Mal als einer der Gönner Rafaels auftritt. Alfonzo der Erste von Ferrara ist in der Geschichte hinläng- lig bekannt als ein Charakter, der die meisten Tugenden und Untugenden seiner Zeit in sich vereinte. Knüpfen sich an sein Andenken Verbrechen der mannigfachsten Art, so war er andrerseits ein Freund und Pfleger der Wissenschaften und ein vielgefeierter Gönner der Dichter und Künstler. Ariost besang ihn in zarten Versen. Andere Poeten priesen ihn in gröber gefügten Dichtungen. Titian, in seinem Palast beschäftigt, half seine Züge für die Nachwelt