Preußen und der Bund.
Das Separatvotum, welches Baden in der Delegirtenfrage zu Frankfurt abgegeben hat. ist seinem Inhalt nach durch die Tagespresse bekannt gemacht. Baden hat gegenüber den Würzburgern den einzig richtigen Standpunkt eingenommen, welcher der patriotischen Negierung eines Mittelstaates bei der gegenwärtigen Lage Preußens möglich ist; das Votum enthält sich jedes eigenen Organisationsvorschlags, und begnügt sich nachzuweisen, daß die Ausführung des östreichischen Projektes mit dem völkerrechtlichen Charakter des Bundes in unversöhnbarem Gegensatze steht, und denselben nach jeder Richtung alteriren würde, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen, ja daß jeder Versuch einer praktischen Durchführung die Schwäche und Verwirrung in Deutschland bis ins Abenteuerliche steigern müßte.
Ueber die Stellung, welche Preußen in dieser Angelegenheit beim Bunde gegenüber der Würzburger Majorität einzunehmen gedenkt, ist noch keine sichere Erklärung in die Oeffentlichkeit gedrungen. Mit einer Spannung, die nicht ohne bange Sorge ist, erwarten die Mitglieder der-preußischen Partei die erste Lebensäußerung des gegenwärtigen Ministeriums in einer Angelegenheit von höchster Bedeutung. Und es ist hinreichender Grund zu Befürchtungen. Die bedenkliche, ja verzweifelte Lage des preußischen Ministeriums in dem eigenen Lande legt die Muthmaßung nahe, daß Herr v. Bismark diese Frage der großen Politik benutzen wird, um in seiner Weise einen Anlauf zu nehmen, der Freunden und Feinden imponiren soll. Und diese Annahme wird wahrscheinlich durch einzelne drohende Correspondenzen, welche in der Tagespresse mysteriöse Andeutungen gaben, daß Preußen sich nicht majorifiren lasse, daß es seine Partei genommen habe, zu handeln entschlossen sei u. s. w. Zwar wären diese Andeutungen gerade dann unvorsichtig, wenn Preußen sich zu dem entschlossen hätte, was Herr v. Bismark großes Spiel nennen mag. Aber zufällig und verloren sind sie schwerlich in die Welt gesandt, und wer ein wenig gewöhnt ist, Luftströmung und Wolkenzug in der deutschen Politik zu beachten, kann nach solchen Voraussetzungen die Ansicht nicht fern halten, daß etwas Ueberraschendes beabsichtigt wird. .
Ueber das Project einer Delegirtenversammlung beim Bunde hat die ge- sammte unabhängige Presse Deutschlands, hat die öffentliche Meinung, hat die organisirte nationale Partei mit ungewöhnlicher Einstimmigkeit den Stab gebrochen:
«Krenzboten IV. 1öö2. 6l