Beitrag 
Die Lebensphilosophie eines geistlichen Herrn im vierzehnten Jahrhundert.
Seite
105
Einzelbild herunterladen
 

105

Die LebenSphilvsophie eines geistlichen Herrn im vierzehnte»

Jahrhundert.

Oiewmiug. des breslauer Domherrn Nicolaus, Anhang zu den/Formelbuche Arnolds.von Protzau, herausgegeben von Wattenbach. (Vrgl. die vorige Nummer der Grenzboten.)

In unserem Jahrhundert theilt München mit einigen andern bayrischen Städten den Ruhm, mehrfach Bierkrawalle in seinen Annalen aufweisen zu können, in früheren Zeiten haben auch andere Städte darin Namhaftes ge­leistet, der Aufstand wegen der Bicrzinse in Stendal 1488 ist bekannt genug, auch die breslauer Chroniken erzählen von einem Bierstreite und zwar einem in ganz respectablcn, Dimensionen. Er entspann sich im Jahre 1381 und war gegen die Geistlichkeit gerichtet, welcher die Bürgerschaft und speciell die Zunft der Kretschmcr die freie Einfuhr und den Ausschcink fremder Biere nicht gestatten wollte, den jene auf Grund alter Privilegien beanspruchte. Damals nun hatte der Rath von Breslau dircct ein Verbot erlassen, den Geistlichen fremdes Bier zuzuführen, und als nun ein Fuhrmann mit einigen Fässern schweidnitzer Bieres, welche Herzog Ruprecht von Licgnitz seinem Bruder, dem Domdechanten, zum Geschenk sandte, an den breslauer Thoren ankam, confiscirte man dieselben. Aber die Geistlichen, welche sich den guten Trunk") nicht entgehen lassen wollten, protestirten, und der bischöfliche Administrator griff endlich zu der Waffe des Jnterdictes, das er über Breslau verhängte. Um dieselbe Zeit kam nun Kaiser Wenzel nach Breslau und gedachte in seiner raschen und rücksichts­losen Art den Streit schnell zu beendigen. Die Geistlichkeit, verlangte er, solle zunächst das Jnterdict aufheben, dann wolle er die Sache untersuchen, und wenn er die Schuld auf Seiten der Bürger finde, diese zum Schadenersatz anhalten. Als die Geistlichen sich weigerten und in hohem Tone antworteten, entlud sich der ganze Zorn des schnell gereizten Herrschers auf sie. Wer sich nicht.flüchtete, ward gefangen gesetzt, und die Residenzen der breslauer Domherrn wurden der zügellosen Wuth der Böhmen aus Wenzels Gefolge preisgegeben, welche auch wirtlich dort vandalisch hausten und die kirchlichen Gebräuche aufs schimpflichste verspotteten. Erst im Jahre 1383 wurde nach langen Unterhandlungen Frieden geschlossen. Unter den Domherren, welche sich damals flüchteten, befand sich

Noch heut zeugt der Name des Rathskellers (schweidnitzer Keller) von dem Rufe des einst hier geschenkten schweidnitzer Bieres.

Grenzboten IV. 1Stt2. 14