KS
Weimar oder Frankfurt?
Aus Süddeutschland.
Die langwierigen Verhandlungen, welche der Versammlung zu Weimar vorausgingen, haben, wie unerquicklich sie zuweilen zu werden drohten, einen wesentlichen Gewinn gebracht: sie haben die Verhältnisse der deutschen Parteien zu einander klarer gestellt, sie haben insbesondre die großdeutsche Partei in ihrer ganzen Schwäche gezeigt. Die Großdeutschen wollten die Weimarer Versammlung zu einer Parteiversammlung Herabdrücken i ihre Bemühungen dienten nur dazu, unfreiwillig zu constatiren, daß die Partei ihrer Gegner die Nation selbst hinter sich hat; sie beabsichtigten der kleindeutschen eine großdeutsche Versammlung entgegenzusetzen, und der Erfolg war, daß gerade diejenigen Elemente, auf die sie rechnen mußten, wenn ihre Sache einigermaßen populär sein wollte, sich fern hielten, und nur ein Niedcrschlag zurückblieb, in welchem ein provincieller Particularismus überwog.
Man durfte mit Recht begierig sein, welche Haltung die Großdeutschen einer freien Versammlung deutscher Abgeordneten gegenüber einnehmen würden. An Betheurung ihres Eifers für die nationale Sache hatten sie es nie fehlen lassen. Aus der Sprache ihrer Organe zu schließen, glaubten sie sich sogar im Alleinbesitz patriotischer Gesinnung, und ebenso war bisher von dieser Seite das Bedürfniß einer durchgreifenden Reform des Bundes nicht geläugnet worden. Der Gedanke aber, die jährlichen Wanderversammlungen, bei welchen nebenbei so viel politisirt wurde, und die sich in der That nicht unwirksam erwiesen hatten, für die persönliche Verständigung der verschiedenen Stammes- genvssen auf einmal auf die Politiker vom Fach auszudehnen, war ein sehr natürlicher; ^schon längst bildete er den Gegenstand vertraulicher Besprechungen, und die sich allmälig immer steigernde Schärfe der Gegensätze konnte am wenigsten ein Grund sein, ein Projcct aufzugeben, dessen Verwirklichung ' ohne eine Entscheidung zu präjudiciren, wenigstens den Parteien eine gemeinsame Arena zum Austausch ihrer Meinungen darbot, und wo nicht zu Weiterem, doch jedenfalls zu einer Klärung der Lage führen mußte. Waren nur diejenigen Elemente, welche einer ernstlichen Reform überhaupt entgegen waren, selbstverständlich ausgeschlossen, so stand bei der Gleichartigkeit des Ziels eine Erweiterung der bestehenden Kluft durch die offene Debatte nicht zu befürchten. Strebte man eine legale Vertretung des deutschen Volkes an, was ja zugestandenermaßen das Ziel Aller war, so mußte eine solche doch Klein- und Groß-