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Die letzte Woche in Preußen.
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Und noch ein Anderes droht Werth und Bedeutung des Ernstes, den Preußen jetzt gezeigt hat, zu verringern. Die active Theilnahme Oestreichs am Einmarsch in ^urhcssen. Schon melden die Zeitungen, daß das Cabinet zu Wien diese Theilnahme gefordert habe.

Die Ehre Preußens gebietet, diese Forderung entschieden zurückzuweisen. Schon einmal während der Regierung des jetzigen Königs war, wenn wir recht unterrichtet sind, bei ganz anderer Veranlassung eine solche Bewegung östreichi­scher Truppen nach Norddcutschland beansprucht, und damals von Preußen mit sehr bestimmter Drohung zurückgewiesen worden. Soll jetzt geschehen dür­fen waS damals unerhört schien? Allerdings ist der König von Preußen nicht Bundcsfeldherr geworden, nicht nördlich von der Mainlinie, was das Ber­liner Eadinct damals beanspruchte, nicht irgendwo. Aber Preußen allein hat das Recht und die Pflicht, wenigstens in diesem Theile von Deutschland Ord­nung zu halten, ein Stecht, welches höber steht und besser sundirt ist, als alles Recht des Bundes, denn Preußen allein hat die Fähigkeit und Macht, bei einem deutschen Kriege mit dem Westen die kleinen Staaten im Norden des Mains gegen äußere Feinde zu erhalten und zu schützen.

Zu den bittersten Erinnerungen aber aus einer wenig ehrenvollen Ber- ' gangcnheit gehören dem preußischen Volte und Heere die Tage, in welchen Truppen aus Süddcutschland unter die deutschen Stämme des Nordens ge­sandt wurden, dort Polizeidienste zu verrichten. Das preußische Volt hat die größte Hochachtung vor der Tapferkeit des östreichischen Militärs, es ist durch­aus nicht gesonnen, die Machtsphäre Oestreichs zu beeinträchtigen, aber es wird jede östreichische Hecresabtheilung. welche unter den gegenwärtigen Ver­hältnissen sich im Norden deS Mains aufstellen sollte, für eine Beeinträchtigung preußischer Interessen, für eine tiefe Demüthigung und Beleidigung halten.

Was die Preußen jetzt von ihrer Regierung fordern, ist demnach erstens, daß die Genugthuung für den Schimpf, der Preußen angethan worden, eine vollwichtige und glänzende sei; ferner, daß gegenwärtig die Veranlassung bcnützt werde, das alte Leiden Kurhessens gründlich und vollständig zu heilen; drittens aber, daß, wenn dies durch preußische Truppen geschieht, nur preußische Truppen, "hnc Einmischung irgend eines andern deutschen Staats, die Execution ausführen. Noch schmerzt die Wunde von Bronzell; das erst würde eiye Genugthuung sein.

Kann das gegenwärtige Ministerium Preußens diese drei Punkte geschickt und energisch durchsetzen, dann wird es in den Seelen der Preußen sich hohe Achtung, ja herzliche Zuneigung gewinnen. Denn die Preußen sind vor Allem Preußen und Deutsche, es ist ihnen natürlich, politisch liberal zu urtheilen, aber es ist ihr heißes Bedürfniß stolz zu sein. Wir find, indem wir schreiben, nicht ohne Hoffnung, daß die Minister dem Volk beweisen werden, daß auch sie Preußen sind. ?

Grcnzbotcn II. 1862.

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