2«3
hin zu wirken, daß der rechte und der linke Flügel der Partei nicht blos in der Opposition zusammenhalte, sondern daß sich allmälig auch eine Verständigung beider für die Tage vorbereite, wo wieder positiv an die Arbeit der Reform geschritten werden kann, ist, wie uns scheint, die Hauptaufgabe der Presse beider Parteihälften sowie Aller, die von starkem Einfluß auf ihre Fractivn sind. Niemand aber erschwert den Fortschritt zur Eintracht mehr, als wer bemüht ist, unfertige Lösungen vorzeitig mit dem Stempel der Partei zu versehen.
„Irgend ein Weiser," so sagt unsre Schrift zum Schluß, „hat bemerkt, daß aus keiner Ursache so viel Umwege entstehen, als aus dem heftigen Verlangen, immer den kürzesten Weg zu gehen. Möge man auf der einen Seite die Vorliebe für die kürzesten Wege etwas mäßigen. Man wird der ander» erleichtern, den Punkt, wo es auf unbedingtes Standhalten ankommt, seltener zu verfehlen. Möge man diesen Satz vor Allein auch auf die deutsche Frage anwenden. Diese Frage wird nur gelöst werden, wenn die mäßigsten Forderungen das ernsteste Mittel unterstützt. Sie wird jedesmal in die Ferne gerückt, wenn eine weitgehende Forderung durch bloße Appellation an das Gefühl verwirklicht werden soll. Auch das Gefühl gehorcht nur der That."
Unsre Schrift erschien vor den Urwahlcn. Dieselben sind nicht gegen die Erwartung, zum Theil aber gegen den Wunsch des Verfassers ausgefallen. Auch wir können uns, so innige Freude wir über die lebhafte Betheiligung des Volts an denselben und an dem Sieg der liberalen Partei als eines Ganzen empfinden, mancher Bedenken nicht einschlagen. „Man darf," so äußerte sich die „Berliner Allgemeine Zeitung"über dieselben, „stolz sein auf die Festigkeit, mit welcher das Land auf die verschobenen Fragestellungen und auf die Beeinflussungsversuche des gegenwärtigen Ministeriums antwortet. Aber gerade weil . . . eine überwältigende Majorität der Opposition auf diese Weise unzweifelhaft ist: ist die vornehmste Pflicht der Wahlmänner, dieser Opposition die möglichste Stärke, nicht aber, ihr den schroffsten und einseitigsten Ausdruck zu geben, Wenn irgendwann ist jetzt ihre Pflicht, jene die Stimmungen der beweglichen Massen mäßigende Stellung einzunehmen, welche unsre Verfassung von ihnen hofft." — „Wir unterschätzen durchaus nicht die Bedeutung, welche in einem Gcsinnuugsausdruck der gesammten Preußischen UrWählerschaft von so seltner Einmütigkeit liegt. Aber die Ge« schichte so vieler Vcrsammlnngen zeigt, welche Gefahr in dein sich gegenseitig Ueberbieten in volkstümlichen und entschiedenen Reden, in dem sich gegenseitig in leidenschaftlichen Stimmungen Steigern liegt." — „Für diese Gefahr einer echaufsirten Stimmungspolitik gibt es nur ein Correctiv: jene organischen Ge-
') Wir ergreifen diese Gelegenheit, das Organ der Partei, die uns unter den beiden libe- raten Fractionen am nächsten steht, den Lesern d. Bl. angelegentlich zu empfehle». D. Red.