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Berliner Brief.
Berlin den 24. März.
Der Ministcrwechsel kam Niemandem unerwartet; wer mit einiger Aufmerksamkeit den Gang der Dinge verfolgte, mußte sehen, daß, wie nachgibig auch die liberalen Minister sein mochten, sie doch am Ende an eine Grenze gedrängt werden würden, die sie nicht überschreiten konnten. Sobald die Alternative vor ih.nen lag, entweder die großen politischen Grundsätze zu opfern, denen sie bis dahin ihre besten Kräfte gewidmet hatten, oder aus dem Rath der Krone zu treten, konnte es nicht mehr zweifelhaft sein, wie ihre Wahl ausfallen würde. Sie haben eine Stellung verlassen, welche unmöglich geworden war, und haben sich damit für eine bessere Zukunft möglich erhalten.
Aber nicht allein um der ausgeschiedenen Minister willen halten wir den eingetretenen Wechsel sür ein Ereigniß, das nicht entfernt zu beklagen ist. Auch für die ganze Entwickelung unseres politischen Lebens ist es weit besser, daß wir aus der schwülen Atmosphäre eines Krankenzimmers wieder auf eine Zeitlang in einen frischen Nordostwind gerathen. Und vorzugsweise können grade die mittleren Parteien mit der eingetretenen Wendung zufrieden sein. Denn die Fortdauer des bisherigen Zustandes drohte die constitutioncllc Partei in sich selbst zn demoralisiren und im Lande zu discrcditiren. Wie konnte es anders sein? Im Ministerium saßen die ehemaligen Führer der Constitutionellcn. Aber nur in seltenen Fällen waren sie im Stande, ihre Ueberzeugungen durchzusetzen. In einer leicht erklärlichen gemüthlichen Täuschung befangen, hatten sie ihre Aemter übernommen, ohne sich vor-, bcr die nöthigen Garantien geben zu lassen. Dadurch geriethen sie in eine Stellung, die immer unhaltbarer wurde, je mehr in der nächsten Umgebung des Thrones die Strömung sich gegen sie wandte und je mcdr in natürlicher Folge davon die Ungeduld im Volke wuchs. Dadurch gericth auch die ganze constitutionelle Partei in eine unnatürliche und für sie selbst verderbliche Lage. Sie möcht.' eine Regierung, in der ihre' eigenen Freunde saßen, nicht angreisen, und doch konnte sie diese Regierung, welche nicht im Stande war, für die Verwirklichung ihrer Grundsätze etwas Ernsthaftes zu thun, nicht lebhaft und nachdrücklich unterstützen. So wurde die ganze Partei gelähmt und nur von der Rücksicht beherrscht, den Stoß zu Pariren, der das bis dahin noch geduldete System zum Falle bringen mußte. Keine ungünstigere Lage läßt sich für eine parlamentarische Partei denken. Was das Schlimmste ist. sie löst sich dadurch allmälig von den Wurzeln ihrer Kraft. Im Volke hat man kein Verständniß für eine solche diplomatisilen.de Haltung und die öffentliche Meinung wendet sich daher mehr und mehr den rücksichtsloseren Extremen zu. Dies war während der letzten Session das unglückliche Verhältniß, unter welchem die Fraction Grabow litt. Alte Freunde bröckelten von ihr los, und die öffentliche Meinung erwartete nichts mehr von einer Partei, welche, wie es schien, nur noch die Fähigkeit besaß, den Principien die Spitzen abzubrechen.
Dies wird jetzt anders. Die constitutionelle Partei tritt unter der Fahne der Opposition auf den Kampfplatz. Sie hat keine anderen Rücksichten zu nehmen, als die auf ihre eigenen Grundsätze. Also gibt grade der Ministerwechsel unseren Freunden Gelegenheit, nach unten das verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Nach oben standen die liberalen Minister nur noch auf einer hoffnungslosen Defensive. Wenn sie als Führer ihrer Partei zur Macht zurückkehren, werden sie eine viel stärkere Position einnehmen als früher. Es kommt jetzt nur darauf an, den praktischen Beweis zu führen, daß es auf die Dauer in Preußen unmöglich ist, gegen die öffentliche Meinung des Landes zu regieren.
Dieser Beweis wird um so leichter gelingen, je weniger jetzt die Organe der gemäßigteren und der fortgeschritteneren liberalen Partei sich in unnützem retrospektiven Gezänk gegen einander erhitzen. Die Constitutivnellen und die Fortschritts-