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Die gute alte Zeit.in Rußland.
Wie bei uns so gibt es auch in Ruhland eine Pariei, weiche die Gegenwart für weniger schön und edel als die Vergangenheit hält und infolge dessen häusig die „gute alte Zeit" im Munde führt. Wie bei uns beklagt man die von Westen her eingedrungnen neumodischen Ideen, lobt man die patriarchalischen Zustande, die vor den reformirenden Fürsten herrschten, betrauert man, tadelt und schmäht man die Bildung und Wissenschaft, welche die Urwüchsigkeit der Verhältnisse verdorben, das Land entnervt, das Volk krank gemacht haben soll. Ist der Störenfried bei uns der Franzose mit der Revolution von 1789, so ist's in Rußland der Deutsche, der bei den Freunden der „guten alten Zeit" Alles verschuldet hat, was im Reiche faul ist. Vor seinem Eindringen gab es. wenn man den Wortführern der Partei glauben dürfte, in Moskowien nichts als frommen Biedersinn, redliche Einfalt, heitere Behaglichkeit, innerlichste Gesundheit des Wollens und Empfindens, und die Milch menschenfreundlicher Denkart floß in Strömen. Wer solche Meinungen für unmöglich hält, der lese die vor drei Jahren erschienenen „Chroniken nnd Erinnerungen" Äksakoff's, die jetzt das vcrbreitetsie Buch in Rußland sind.
Nun gibt es aber wie bei uns so auch unter den Russen eine Gegenpartei, welche sich die Geschichte genauer angesehen und dabei die Ueberzeugung gewonnen hat. daß die „gute alte Zeit" in sehr wesentlichen Zügen eigentlich eine recht böse alte Zeit gewesen, eine rohe, gewaltthätige, schlecht wirthschaftende, vielbedrückte, vielverdüsterte Zeit, sehr wenig gesund und so unbehaglich, daß selbst die, welche sie bewundern, bei näherer Erkundigung nach ihrem Wesen, sich glücklich preisen würden, nicht in ihr geboren zu sein. Wer sich darüber genauer zu unterrichten wünscht, dem empfehlen wir Pechers- kt's „Alte Zeiten", eine Geschichte in Form eines Tagebuchs, die, auf Grund wirklicher Begebenheiten verfaßt, vor einiger Zeit im „Russischen Boten" veröffentlicht wurde, und die wir im Folgenden als ein Seitenstück zu den Schilderungen, welche diese Blätter aus dem Leben des deutschen Adels in der „guten alten Zeit" gebracht haben, in einem gedrängten Auszug mittheilen.
Der Verfasser erzählt, wie er vor Kurzem in dem Städtchen Zavoria an der Wolga gewesen. Dasselbe ist ein hübscher lebhafter Ort mit einem Dutzend vergoldeten Kirchthürmen, etwa fünfzig zweistöckigen Steingcbäuden und einer Anzahl gewöhnlicher Holzhäuser, einem geräumigen Gastinnoi Dwor oder Basar und einigen Fabriken und Eisenhütten. Am Flußufer streckt sich eine lange Reihe von Getreidemagazinen hin. An der Werfte liegen gegen hun-