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bulen Zustandes befunden, ähnlich dem. in welchem sich manche Aegyptologen bei ihren Hieroglyphcnentzifferungen befinden, und in welchem man Dinge sieht, die für andere Menschenkinder, selbst die von gesündestem Verstände, vollkommen unbegreiflich bleiben.
Die Reform des Herrenhauses.
Von der preußischen Grenze. Mit großer Befriedigung bemerken wir. daß endlich auch die ministeriellen Blätter anfangen, sich mit einer Angelegenheit zu beschäftigen, die für Preußen vielleicht die wichtigste Lebensfrage ist. Bis jetzt hatte es den Anschein, als sollte sie der Demokratie überlassen bleiben, um als Agitationsmittel für die Wahlen benutzt zu werden, da doch mit Ausnahme der Krcuzzeitungspartei alle Stände darüber einig sind, daß es mit dem Herrenhause nicht so bleiben kann. Die jetzige preußische Verfassung gleicht einem Wagen, der an zwei entgegengesetzten Seiten mit Pferden bespannt ist: die Folge davon ist nicht bloß Stillstand, sondern die äußerste Gefahr der Beschädigung.
Die ministerielle Presse hofft die Reform, die sie als nöthig erkennt, auf dem Wege der Verordnung durchzusetzen, ohne die Gesetzgebung in Anspruch zu nehmen, da mit dem gegenwärtigen Herrenhause eine Veränderung seiner Zusammensetzung nicht zu vereinbaren ist. Sie hofft die Majorität dadurch zu ändern, erstens, daß die Zahl der lebenslänglichen, vom König ernannten Mitglieder vermehrt, zweiten«, das dem sogenannten befestigten Grundbesitz verliehene Präscntationsrccht eingeschränkt und anderweitig regulirt wird.
Daß Beides auf dem Boden der bestehenden Verfassung möglich ist, darüber besteht kein Zweifel. Das Präsentationsrecht des „befestigten Grundbesitzes" ist nicht durch die Versassung oder Gesetzgebung, sondern durch die königliche Verordnung normirt worden, es kann mithin auf demselben Wege wieder abgeändert werden.
Sehr zweifelhaft dagegen ist, ob diese Schritte die Folge haben werden, welche sich die ministerielle Presse davon verspricht. Zunächst ist es augenscheinlich, daß di- bishcrige Majorität des Herrenhauses, die zwar ohne allen Grund, aber doch im beste» Glauben die bisherige Zusammensetzung desselben für endgültig hält, durch dies vermeintlich ihr angethane Unrecht in ihrem Trotz nur noch bestärkt werden wird. Sodann ist es sehr die Frage, ob die neu eintretenden Mitglieder, so sorgfältig auch das Ministerium ihre Wahl, überwachen mag. nicht allmälig als wirkliche PairS von dem im Herrenhaus herrschenden Geist inficirt werden. Die bisherige Majorität ist eine compacte Masse, die neu eintretenden Mitglieder fühlen sich selbst halb und halb als Eindringlinge, wenigstens als vereinzelt, und die Anziehungskraft der ersteren wird um so mehr auf sie wirken, da man es geflissentlich zu vermeiden scheint, den neuen Elementen hervorragende Führer zu geben. Die Lage der neuerdings ernannten Pair« scheint uns wenig beneidenswcrth.
Es kommt noch ein Umstand hinzu, der uns sehr wichtig scheint. Wenn eine Verfassung wirkliches Leben im Volk gewinnen soll, so muß mit allen ihren Le'