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Die Pariser Kunstausstellung von 1861 und die bildende Kunst des 19. Jahrhunderts in Frankreich. 2. : Das Kaiserreich und die Architektur. Der Baustyl des 19. Jahrhunderts.
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Hand. Auch aus Backsteinen das^ weisen z. B. die schönen Baudenkmale zu Bologna zur Genüge nach läßt sich ein vernünftiger Bau ausführen, der nicht mit Flitterstaat von Stuck und Terracotta ein steinernes GaUatteid sich anlügen will, sondern einfach für das sich gibt, was er ist und seine Schönheit in den Verhältnissen, der Composition und einer Ornamentik hat, die der Natur des Materials angemessen ist. Einerseits hat die Architektur, die sich für modern ausgibt, den Sinn für denRhythmus der Massen", die einfache Harmonie der Gliederung fast gänzlich eingebüßt; andrerseits will sie aus dem Wege der Reflexion ein neues Ornamentenwesen finden, das in einer widerlich verzerrten, verrenkten Zierlichkeit antike, gothische und Renaissance- Elemente phantasielos durcheinandermischt. Daß ein neuer Baustyl sich nicht aus der Erde stampfen läßt, daß insbesondere unsere Zeit, die in der künst­lerischen Production überhaupt unselbständig, von den verwickelten und sich kreuzenden Interessen einer weit vorgeschrittenen und doch unfertigen Civili­sation hin- und Hergetrieben wird und die, ohne den festen Boden eines ge­meinsamen Cultus und einer ausgebildeten Staatsform unter den Füßen, zwischen einem abgethanen und und erst werdenden Weltzustande in der Mitte schwebt, daß eine solche Zeit zu einer Stylbildung in der Architektur ebenso wenig bestimmt als befähigt ist, ist nun oft genug erläutert worden. Sie wird in ihren Bauten von der knappen Verständigkeit des rein Zweck­mäßigen geleitet, die Architektur ist für sie keine wirkliche Kunst, in der sie den Ausdruck einer ihr eigenthümlichen monumentalen Phantasie niederlegte. Da­her sollte auch ihre Bauart vor Allem nach dem praktischen Gesichtspunkte sich nchten, und, um das künstlerische Bedürfniß zu befriedigen, mit einsichtsvoller Nachahmung den Styl einer früheren Periode übernehmen, der sich mit ihren Zwecken in Uebereinstimmung bringen läßt.

Die Franzosen, weniger von der Ungeduld getrieben, das Unerreichbare möglich zu machen, scheinen das begriffen zu haben. Die neuen Bauten wachen durchweg weder einen armseligen noch einen buntscheckigen Eindruck, und nur äußerst selten tritt ein Versuch auf, mit Reminiscenzen aus den fabel­haften Zeiten des Alterthums und Zuthaten von eigener Erfindung eine ar­chitektonische Hieroglyphe zu liefern. Mag es nun bessere Einsicht oder gei­stige Trägheit sein: die Franzosen suchen wenigstens nicht in der Architektur ewe neue Aera zu begründen. Dabei kommt ihnen zu gute, daß sie sich, "achdem mit der Revolution der Zopf und mit dem Sturze des ersten Kaiser- ^chs das antikisirende Bauwesen überwunden war, kürz und entschieden zur Renaissance'in der eigenthümlichen Weise , wie sie in Frankreich ausgebildet worden, zurückgewendet haben. Indem sie die neuen Straßen fast durchgehends ^ einem Style bauen, der ihrer Geschichte und ihrem nationalen Wesen nicht sremd ist und schon in den jüngst verflossenen Jahrzehnten angewendet wurde,