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Washington.
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Material zu einem harmonischen und gefälligen Bauwerk zu gewinnen. Man könnte ebenso'gut versuchen, ans dem Flugsand der Wüste eine Stadt zu bauen.

Selbstverständlich gibt es Ansnahmen von dieser Regel. Sowol unter der festen als unter der wechselnden Bevölkerung Washingtons sind viele, die jeder Gesellschaft zur Zierde gereichen würden. Nur ist ihre Zahl zu klein, uni das Gepräge des dortigen Lebens zu bestimmen. Gewöhnlich haben sie ihre besondern Kreise, von denen stc Alles fern halten, was ihren Neigungen fremd ist. Dazu kommt, daß der sociale Einfluß der Frauen, sonst in Amerika sehr groß, vielleicht zu groß, in Washington, schon weil sie hier zu wenig zahlreich sind, sehr beschränkt ist. Die große Mehrzahl der Männer, welche während der Sitzung die Stadt beleben, lassen entweder ihre Familien zurück, um ungestörter Ge­setze zu inachen, Parteimanöver auszuführen,Draht zu ziehen",Röhren zu legen",Klötze zu rollen" u. s. w., oder sie haben niemand, der sie begleiten könnte. Sie bewohnen fast ohne Ausnahme die Gasthöse und kümmern sich nicht um häusliche Behaglichkeit. Ihr Zimmer hat sür sie keine andere Be­deutung, als für den Bankier sein finsteres Wechselcomptoir. Sie bleiben in Washington fremd, anch wenn die Dauer ihres Aufenthalts sich lange hin­zieht. Es ist wahr, viele Mitglieder des Senats und einige Repräsentanten werden von ihren Frauen und Kindern begleitet, aber sowol diese als die flüchtigen Bcsuche..von Damen, die beständig gehen und kommen, sind immer nur Ausnahmen von der Regel, wenn sie auf die Gesellschaft einige Wirkung üben. Henry Clay lebte und starb in einem Hotel. Seine öffentliche Stel­lung fesselte ihn fast ganz an Washington, uud Frau Clay besuchte ihn hier niemals, obwol ihre Ehe eine glückliche war.

Für sehr viele Congreßmitglieder scheint der mchnnonatlichc Aufenthalt in der Bundesstadt mehr eine verlängerte Vergnügungspartie zu sein, als etwas Anderes. Sie werden durch ihre Pflichten als Gesetzgeber in Anspruch genom­men, allein dieselben werden von vielen nur als ein Glied in der Reihe der Zerstreuungen angesehen, denen sie sich hingeben. Ein Gang durch die Stra­ßen, ein Besuch in einem der Gasthöfe zeigt das deutlich. An Tagen, wo der Congreß keine Sitzungen hält, sieht man allenthalben in den Straßen Gruppen von Müßiggängern umherschlendern oder vor den Hotels sitzen, Tabak kaum und die vorübergehenden Damen anstarren. Andere treiben sich in den Bar- rooms herum, in welchen sie bei Gin, Sherrycobbler. Eggtoddy und ähnlichen Ge­tränken mit Bekannten disputircn, bis der Abend kommt, wo zahlreiche Spielhöllen die Thür zu ihren grünen Tischen öffnen. Wer mehr Ruhe liebt, zieht in ein Boardinghcms, und hier findet man oft zwanzig Congreßmitglieder unter Einem Dache beisammen, die sich täglich um den Mittagstisch zurMeß" versam­meln. Diese ,, Cvngreßmesfes" werden überall nachgeahmt, und aus eine