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Die Aufgabe des Nationalsvereins.
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lösung Oestreichs in ein Föderativsystem, hier einen Neubau nach allgemei­nen Principien. Die Führer jener Richtung sind die Ungarn, die auf alt verbrieften Rechten fußen, die Führer dieser die Deutschen, deren alte Reichs- formcn längst untergegangen sind. Daß die erste Richtung im Reichsrath eine so starke Majorität gefunden hat, ist charakteristisch; auch wir halten sie im Ganzen für diejenige, welche die größere Aussicht hat. Ihre Gefahren verkennen wir keinen Augenblick: es ist sehr die Frage, ob Ungarn sich mit der alten Verfassung begnügt, ob nicht die Förderation zu einem Auseinander­fallen der Gesammtmouarchie führt. Aber der andre Weg führt zu einem noch viel unklarem Ziel: die Centralisation Oestreichs ist nur unter despotischer Form möglich, sonst führt sie zum Racenkampf oder zur Revolution. Der erste Weg hat seine Gefahren, aber es ist wenigstens möglich, daß auf ihm die einzelnen Nationen befriedigt nnd in der Treue gegen das alte Haus er­halten werden.

Freilich nur unter einer Bedingung. Noch immer sind die Finanzen in einer traurigen Lage, nnd es ist keine Möglichkeit, Ordnung in denselben herzustellen, wenn Oestreich fortfährt, mit zwei Würfeln 13 Augen werfen zu wollen. Um wahrhafte Reformen durchzuführen, bedarf Oestreich des Frie­dens. Daß es anfängt, sich Preußen zu nähern, ist ein gntes Zeichen, obgleich es hier noch lange nicht genug gethan hat. Aber es muß auch daran den­ken, sich England zu nähern, und keine englische Negierung, welcher Partei sie auch angehören möge, wird es ihrem Volk gegenüber wagen, sich mit Oestreich zu verbinden, so lauge dieses Ncstauratiouspläne in Italien ver­folgt. Es gibt nur ein Mittel. Oestreichs gefährlichsten Feind, den Kaiser von Frankreich zu isolireu und unschädlich zu machen: ein ehrlicher Friede mit Sardinien.

Gern geben wir zu, daß ein solcher Schritt dem alten Hause schwer falle» muß. Es hat von dem kleinern, im Verhältniß unmächtigen Staat Verletzungen erlitten, die es nicht leicht verwinden wird. Aber was hat es gefruchtet, das man bisher dem Kaiser Napoleon geschmeichelt und Sardinien mit rücksichtsloser Verachtung behandelt hat? Die Annexionen haben doch statt­gefunden, Sardinien ist immer mehr in die Arme Frankreichs getrieben, und, was für Oestreich das. schlimmste ist, eben dadurch ist das englisch-französische Büudniß, wenn auch nicht mehr in der alten Festigkeit immer noch erhalten.

Ist denn aber ein Friede mit Sardinien, auch wenn man diese Stimmungen überwindet, möglich? Es ist schwer, in der Seele des Königs Victor Ema- nuel zu lesen; es ist sogar nicht mit Bestimmtheit auszumachen, wie weit er noch die Situation beherrscht Aber zweierlei scheint uns klar. Einmal, daß die Fluten der Revolution schon so hoch gehen, daß, wenn der Bewegung kein Ende gemacht wird, die ganze Znkunft Italiens ein wildes Hazardspiel