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daß sie die Coalition der Mittelstaaten hat zu Stande kommen lassen; wir glauben aber, daß dieser Fehler noch gut gemacht, daß z. B. Bayern überführt werden kann, es habe nicht blos allgemein deutsche, sondern auch individuelle Interessen mit Preußen gemein. Bayern ist von Frankreich ebenso bedroht als Preußen, und ihm kommt in der Vertheidigung der westlichen Landesgrenzen eine eben so hervorragende Stellung zu. Bayern wäre der natürliche Vermittler zwischen Preußen und der Schweiz, welche letztere sich wol allmälig davon überzeugt haben wird, daß einem schlimmen Nachbar gegenüber auch die Neutralität mit den Waffen in der Hand erkämpft werden muß, und daß für den Kampf gegen einen mächtigern Nachbar Verbündete nöthig sind. Ja wir gehn noch weiter, obgleich wir gern zugestehn wollen, daß diese Combination sehr in der Ferne zu liegen scheint und manchem unerhört vorkommen wird. Es gibt einen Staat, einen vielversprechenden Staat, der jetzt in der unbedingten Abhängigkeit von Frankreich steht, dem aber alles daran liegen muß, bei der ersten günstigen Gelegenheit mit Frankreich zu brechen; einen Staat, der diesen Bruch auf jede Gefahr hin wagen muß, sobald eine Annäherung zwischen Oestreich und Frankreich stattfindet. Wir finden die Offenheit, mit der sich Cavour in der neuesten Debatte über sein Verhältniß zu Frankreich ausgesprochen hat, ebenso bewundernswürdig als die Entschlossenheit des Verstandes, mit welcher die Majorität des Parlaments (229: 33) den Grundsatz scmctionirt hat. daß wer den Zweck will, auch die Mittel wollen muß.
Noch einmal: wir wissen sehr wohl, daß wir jetzt Conjecturalpolitik treiben; aber da man einmal die Conjunctur Frankreich, Rußland und Oestreich aufgestellt hat, so wird es uns verstattet sein für diesen Fall die andere: Deutschland, Schweiz, Italien, England. Niederlande in Aussicht zu stellen. Und daß die Möglichkeit dieser Conjunctur dem französischen Kaiser wirklich vorschwebt, dafür spricht sein Zögern.
Wie dem auch sei, für jetzt sind die Verhältnisse noch nicht so weit gediehen, und darum würden wir es für eine Thorheit halten, wenn Preußen dem Drängen seiner eifrigen Freunde sich fügte, und durch einen einseitigen Angriff gegen Dänemark eine sofortige Coalition gegen sich herauf beschwöre. Wie schmählich die Zustände in Schleswig aussehn, wie lebhaft Preußen durch seine Ehre aufgefordert wird hier einzuschreiten, weiß jedermann; aber die Ehre eines Staats ist eine andere als die eines einzelnen, und der Krieg gegen Dänemark kann nur ein Bundeskrieg sein. Bevor es aber zu diesem kommt, muß der Bund eine militärische Organisation haben. Dies ist. wir werden nicht müde es zu wiederholen, der wahre Kern der deutschen und der europäischen Frage.
Die Behandlung der Schlcswig-Holstein'schen Angelegenheit im Landtag
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