Von der preußischen Grenze.
So oft man sich versucht fühlt, über die deutsche Politik der preußischen Negierung den Stab zu brechen, ihr bald ein zu rasches bald ein zu langsames Vorgehn vorzuwerfen, sie bald der starren Einseitigkeit bald des innern Widerspruchs zu beschuldigen, muß man sich um der Gerechtigkeit willen im deutschen Publikum umsehn und die Art und Weise vergleichen, wie dieses sich in den nämlichen Fragen zu orientiren sucht. Man sollte doch annehmen, es wäre leichter, sich zu Wünschen zu erheben als zu Willensacten; trotz der unablässigsten Anstrengung aber, mit welcher die Stimmführer der öffentlichen Meinung sich abarbeiten, diese sechste Großmacht zu erziehen, sehen wir die Wünsche und Anforderungen noch immer weit auseinandergehn, und wenn die preußische Regierung sich über das, was sie thun solle, bei dem Publikum Rath zu holen in der Lage wäre, so könnte sie nur gleich ihr Amt niederlegen. Wir wollen von den Anträgen, eine Volksvertretung am Bundestag herbeizuführen oder den Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Frankfurt residiren zu lassen, ganz absehn, aber selbst die aufrichtigsten Freunde Preußens muthen ihm mitunter die unbegreiflichsten Dinge zu. So hat man jetzt den Vorschlag gemacht und verspricht sich von demselben eine bedeutende Wirkung, die schwarzroth-goldene Cocarde aufzustecken. Man weiß nicht genau, ob Preußen die allgemeine Aufsteckung dieser Cocnrde beim Bundestage beantragen oder sie selbständig im eigenen Heer durchführen soll. Im ersten Fall würde der Vorschlag einfach abgelehnt werden, im zweiten würde Preußen mehr verlieren als gewinnen. Gewinnen würde es vielleicht einige Stimmen im süddeutschen Publikum, obgleich auch das noch nicht ausgemacht ist, verlieren würde es die Sympathie seines eignen Heeres. Die schwarz-weißen Fahnen rufen die Erinnerungen an Leuthen und Rvßbach, an Leipzig und Waterloo wach, an hundert ruhmvolle Schlachten; was für Erinnerungen würden sich an die Tricolore knüpfen?
In einem Punkt wenigstens hat sich die Politik der preußischen Regierung "ut größter Entschiedenheit und in völliger Uebereinstimmung mit der öffent-
Grenzbote» II, 1660. 51