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Oestreich und Deutschland.
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Oestreich und Deutschland.

Von der preußischen Grenze.

Die innern und äußern Schäden, an denen Oestreich leidet, drängen sich auch dem ungeübten Blick in unsern Tagen so unabweisbar auf, daß immer lauter sich der Zweifel erhebt, ob der alte große Staatskörper, ob das Reich, das gewissermaßen die Cäsaren fortsetzt, für die Verhältnisse der Gegenwart noch Lebensfähigkeit in sich habe; ja daß wol gar warmfühlende Patrioten und besonnene Politiker den bevorstehenden Untergang Oestreichs bei ihren Entwürfen als ein unvermeidliches Ereigniß in Rechnung bringen. Die Re ch nung ist voreilig: wen» auch die Möglichkeit eines großen Sturzes uns näher tritt als vor einigen Jahren, so sind in dem alten Hause doch immer noch feste, gewaltige Quadern, und ein Meister, der den Sinn und Zusammenhang des großen Baus übersieht, und die Entschiedenheit besitzt, alles Unnütze und. Unwesentliche dem einen Hauptzweck zu opfern: der Solidität des Schwer­punkts, würde wol noch Mittel finden, was schon so manche Jahrhunderte steht, noch für Jahrhunderte zu befestigen. Für ganz Deutschland, für Preußen besonders, wäre es ein Glück.

Die Amnestie und die Concessionen, welche man den ungarischen Prote­stanten zu gewähren sich entschlossen hat. sind ein bedeutendes Zeichen: ein Zeichen für die Größe der Gefahr, ein Zeichen für die Einsicht in die Größe derselben, ein Zeichen für die Bereitschaft, ihr durch nicht kleine Opfer vor Mbeugen. Unter diesem Opfer verstehn wir nicht sowol den Inhalt des Zu­geständnisses als die Form: es ist nichts kleines, wenn der stolze Kaiserstaat einer finsteren Opposition gegenüber seine Verordnungen zurücknimmt. Wie dem auch sei. wir freuen uns darüber, denn es ist der Anfang des richtigen Weges. Oestreich kann nur gedeihen, wenn es durch seine Nationen, nicht gegen seine Nationen die nothwendige Einheit erstrebt. Versöhnung mit den Ungarn ist der erste Schritt, aber freilich reicht er noch nicht aus. 5ie Ver­wicklung zu lösen, deren Fäden seit mehr als einem Jahrhundert gesponnen sind. Wird und kann es Oestreich gelingen, die berechtigten und nothwendigen Anforderungen seiner einzelnen Bestandtheile zu befriedigen, ohne darüber den

Grenzboten II. 1860. 41