7V
da trifft man das in neuester Zeit wieder stark besuchte Mineralbad Amphion, wo man mitten in der Einsamkeit des Gebirgs Gebäude im griechischen Styl, pariser Restaurants und Hotels, pariser Dandics und Grisetten, pariser Cri- nolinen und ähnlichen Schmetterlingen der eleganten Welt begegnet. Durch eine schattige Kastanienallee führt die Straße nach dem gleichfalls nahe am Secufer hoch gelegenen Evian, einem alten unsauberen Städtchen mit italienischem Charakter: Nebenlaubarnbesken, steinernen Häuschen mit kleinen Fenstern, blaßgelben, dunkelhaarigen und schwarzäugigen Einwohnern, den verwegensten Schiffern des Sees. Der Ort hat zwei Klöster, von denen eines den Schwestern des heiligen Paul, das andere den Schwestern des heiligen Joseph gehört. Die Zahl der Einwohner beträgt etwa 2500. Durch Evian führt die oft erwähnte Simplonstraße. Folgt man derselben nach Osten, so bietet sich dem Wandrer bis zu dem Grenzdors Bouveret ein Wechsel von Landschaften dar, der kaum seinesgleichen findet. Schmale Thalschluchten, von alten Nuß- und Kastanienbäumen beschattet, wechseln mit schroffen vielzackigen Felsen, deren Häupter in die Wolken ragen, während ihr Fuß sich in den dunkelblauen Abgrund des Leman hinabsenkt. Die Straße windet sich fortwährend in geringer Entfernung vom See hin und führt über die Dörfer Maxilly, Rive und Tourronde in etwa drei Stunden nach den in Rousseaus Heloise gefeierten Dörfchen Meillerie. Drüben über dem Wasser steigt über bewaldeten Borbergcri der scharsgespitzte Felsenzahn der Dent de Jaman empor. Darunter schimmern die Städtchen und Dörfer des ,,waadtländischen Nizza": Vevay, Clarens und Montreux. Hart am See zeigt sich die alte oft besungene Burg Chillon mit ihren verwitterten Thürmen und Mauern. Von Meillerie bis zur Schweizcrgrenze ist es nicht mehr weit. Man kommt aus diesem Wege zuerst nach Bret und der Stelle, wo 503 die römische Stadt Tauretunum verschüttet worden sein soll, dann zu der in tiefer Schlucht hinrauschenden Mvrges. Jenseits derselben betritt der Reisende das Dorf Samt Gingolph, bekannt als langjähriger Sommeraufenthalt des Marquis de Custine.
Das Pays de Faucigny gehört zum Stromgebiet der Arve, deren Thal dasselbe in nordwestlicher Richtung durchschneidet. Im Südosten trennt es die schneebedeckte Felsenmauer des Montblanc von dem zu Piemont gehörigen Aostathal; andere Hochgebirge, die indeß von mehren Pässen und Querthälern durchbrochen werden, schließen es im Osten von dem Canton Wallis ab; wieder andere Bergzüge scheiden es im Norden vom Chablais, während es im Westen von der Landschaft Genevois begrenzt wird. Das Faucigny umfaßt einen Flächcnraum von 187,800 Hectaren und hat gegen 100,000 Einwohner. Es ist in 10 Mandcments und 96 Gemeinden getheilt. Ihren Namen hat die Landschaft von einem jetzt in Trümmern liegenden Raubschlosse über dem Dorfe Contamines im Arvethal. Ihr Charakter ist durchgehends der eines