Beitrag 
Die Lage des preußischen Ministeriums.
Seite
441
Einzelbild herunterladen
 

Die Lage des preußischen Ministeriums.

Von der preußischen Grenze.

Wir stehen vor einem Moment der Entscheidung, so ernster Natur, so tief eingreifend und folgenschwer für unsere ganze Zukunft, daß jeder Preuße und jeder Freund Preußens die moralische Verpflichtung hat, sich über diesen Punkt eine Ueberzeugung zu bilden, und dieser Ueberzeugung, so gering auch der Umfang sein mag, in dem man seine Stimme vernimmt, einen offenen Ausdruck zu geben. Die Last einer furchtbar schweren Verantwortlichkeit fällt zunächst auf die Abgeordneten, sie kann nur dadurch einigermaßen erleichtert werden, daß sich das ganze Land an der Discussion betheiligt, zunächst natür­lich die Presse. Möge es uns gelingen, den ganzen Ernst, den die Sache er­fordert, mit den mancherlei Rücksichten zu verbinden, die uns die Umstände auflegen.

Nicht der geringste Grund der Befriedigung bei der Bildung des neuen Ministeriums war die Ernennung des General Bonin znm Kriegsminister. Man hatte allgemein vorausgesetzt, daß die Regentschaft dem Militärwesen eine besondere Aufmerksamkeit schenken würde, und war auch vollkommen da­mit einverstanden, da Preußen, um feinen großen Beruf in Deutschland durch­zuführen, vor allem einer schlagfertigen Armee bedarf. Es liegt in der Natur der Sache, daß über die Befähigung rmd politische Richtung der höhern Offi­ziere im Publicum am wenigsten bekannt ist, und eigentlich war nur der Name -des General Bonin dem Volk geläufig, der sich bei der Einrichtung der schles- wig-holsteinschcn Armee den Ruf eines bedeutenden organisatorischen Talents erworben, und in seinem früheren, wenn auch, nur kurzen Ministerium Gelegen­heit gehabt, sich über seine politische Richtung entschieden auszusprechen und damit zugleich seinen Charakter uud seine Unabhängigkeit in ein glänzendes Licht zu stellen. Die Uebertragung der Militärangelcgenheiten an diesen Mann schien also eine Bürgschaft zu sein, daß die allgemein als nothwendig aner­kannte Reform im guten preußischen Sinn, in der praktischen Weise von 1310, also auch mit Rücksicht aus die politischen und bürgerlichen Bedürfnisse des gesammten Volks und nicht im Geist eines einseitigen Drill- und Parade­systems und im Interesse einer gcschlossncn Kaste erfolgen werde. Greiizboten I. 1LL0.