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Marie Seebach.
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Jubel und vorgreifendem Schmerz, in der innern Trunkenheit, die ihr alles Bewußtsein raubt, die Worte hinredet, ohne im geringsten zu bedenken, was sie spricht, wie die kleinen Späße, die sie mit Nomeo austauscht, ihr Herz gar nicht berühren. Das ist freilich zunächst geistreich gedacht, aber wäre es nicht zugleich innig und tief empfunden, so würde der bloße Geist keine er­hebliche Wirkung ausüben, und was innige und tiefe Empfindung heißt, kann man vollständig bereits aus ^dieser Scene entnehmen. Ein anderer Ver­such, die plötzliche Leidenschaft zur Anschauung zu bringen, gelingt ihr nicht ganz: als Nomeo eintritt, bleibt sie wie von einem Zauber getroffen gebannt stehn. Auch dies ist richtig gedacht, aber hier hat die Künstlerin zu wenig ihr Material erwogen, und es möchte überhaupt daran zu erinnern sein, daß solche Effecte nur in den äußersten Fällen gewagt werden dürfen, denn nichts führt leichter in Manier, wie wir bereits bei sehr bedeutenden Schauspielern und Schauspielerinnen beobachtet haben.

Wir sagten vorher, daß ihr Spiel zunächst den Eindruck des Durchdach­ten und Geistigen macht , und dies zeigt sich in zweierlei. Einmal sucht sie die tiefere Bedeutung jedes Satzes, ja man möchte sagen jedes Wortes in ihrer Rolle zu durchdringen und so weit es der Dichter gewollt zur Geltung zu brin­gen; sodann bemüht sie sich, ein deutliches in allen Punkten detaillirtes Bild von der Figur, die der Dichter im Sinne gehabt, in ihrer Seele gegenwärtig zu machen, und diesem Bilde gemäß jede Färbung, jeden Ton der ganzen Rolle zu moduliren; sie sucht sich mit einem Wort vollständig in die Figur zu verwandeln, die sie darstellt. Es ist ihr das in einem Grade gelungen, wie wir in Deutschland nichts Aehnliches gesehen haben. Mit einer Gewissen- hastigkeit, die gegen das Bemühen unsrer meisten jungen Schauspielerinnen, in jeder Rolle welcher Art sie auch sein mag, hauptsächlich ihre eigne Liebenswürdig­keit zur Geltung zu bringen, sehr vortheilhaft absticht, verschmäht sie auch die härte­sten Mittel nicht, die Umrisse der Figur, die sie darstellt, deutlich hervortreten zu las­sen. Und wenn sie es in einzelnen Fällen, z. B in Shakespeare's Zähmung der Wi­derspenstigen, ein wenig zu weit treibt, so ist die ganze Richtung doch im höchsten Grade anzuerkennen, und bei ihrem angebornen Sinne für Maß und Ordnung überschreitet sie die Grenzen nur selten. Bei der Hervorhebung ihres Verdienstes haben wir nicht blos den Vergleich mit den Duodezdamen des Theaters im Auge, bei denen ein hübsches Gesicht oft das einzige ist. was sie für die Kunst mitbringen, sondern sehr bedeutende Künstlerinnen, wie z. B. Frau Bayer- Bürk. Wie fein sie auch in solchen Rollen zu nüanciren versteht, die eine große Verwandschaft haben, zeigt z. B. der Vergleich ihres Klärchens und ihres Gretchens: es sind wirklich nicht blos zwei verschiedene Masken, sondern zwei verschiedene Personen, die uns gegenüberstelln.

Es versteht sich von selbst, daß auch das vielseitigste Talent in der Cha-