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ersten Mal erklang, mag sich baß darüber gewundert haben, die kleinen Schwestern, die dem Geistlichen hanshalten, vermuthlich nicht minder; ich hoffe aber, daß es ein freudiges Verwundern war.
Der Pfarrer, aus Syra gebürtig, hatte zehn Jahre in Deutschland gelebt, und es war ihm da so wohl gegangen, daß er nichts sehnlicher wünschte, als dorthin zurückkehren zu können. Während sein Vorgänger kein Wort von der Sprache seiner Gemeinde verstanden hatte, redete er so gut Deutsch, als wir. Daß es ihm in der Colonie nicht behagte, war begreiflich. Sie ist eine Kranke, der nicht mehr zu helfen ist, und ehe zehn Jahre vergehen, wird sie verkümmert und verdorben sein wie jene andere Niederlassung von Deutschen, die schon vor Jahren in der Fieberlust von Argos erstickte. Vielleicht wäre sie besser gediehen, wenn man sie, wie ursprünglich beabsichtigt, in der Ebne von Eleusis gegründet hätte. Aber auch dort wächst Wein, und auch dort hatten die alten Soldaten, die man hier zu Bauern machen wollte, mehr von dem Gewächs getrunken als verkauft, und auch dort hätte das „böse Auge", mit dem die Griechen die deutschen Ansiedler ansehen, seinen verderblichen Zauber geübt.
Nach dem Kaffee machten wir, in Begleitung des Pfarrers, einen Ausflug nach dem eine Stunde von hier ungemein anmuthig gelegenen Kephissia, wo der König einen Theil des Sommers zuzubringen pflegt. Die Hitze war außerordentlich stark, ein förmlicher Brand, grimmig wie der Brand um die drei Männer im feurigen Ofen, bei dem wir den Schatten der uralten Platane vor dem Kaffeehause und die Kühlung der Quelle, die daneben sprudelt, doppelt wohlthuend fanden. Um uns tummelten sich Soldaten, die hier einen Wachtposten gegen die Räuber bilden. Im Kaffeehause saßen Fustanellen- träger, Tschibbuks und Papiercigarren rauchend. Am Brunnen schöpften Frauen in albanesischcr Tracht mit großen alterthümlichen Amphoren die klare Flut. Ein Tabulcttkrämer mit einem Eselein zog vorüber und sang mit langgezognem Tone „Amerikani Kopani!" amerikanische Waaren. Durch den Wipsel des Baumes sandte die Sonne in das grüne däinmcrnde Paradies zitternde Lichter. In der That, es zeigt einen guten Geschmack, daß König Otto oft an dieser Stelle weilt, und wenn ein Leser dieser Zeilen einmal denselben Ausflug macht, so ist er gebeten, außer Frau Barbara Taglauer im Wirthshaus von Erakli und ihrem wackern kleinen Pastor auch die Dryade in der Platane von Kephissia sür ihre Gastfreundschaft dankbar von mir zu grüßen.
Am nächsten Tage wurde die Akademie und der Kolonoshügel besucht und Abends im Anblick des Parthenon bei Mondschein geschwelgt. Als wir von der Akademie zurückkehrten, sahen wir Kinder der Vorstadt das Spiel spielen, welches in Sachsen die meißner oder die merseburger Brücke heißt -und auch in England unter dem Namen „Orang-os emä I^rrwns« vorkommt.