12
Die Gefangennahme des Papstes Paschalis von Lcssing.
Nach längerer Pause ist Lessing wieder mit einem großen historischen Gemälde hervorgetreten. Treu seinem alten Glauben, heute wie vor zehn und zwanzig Jahren von der Ueberzeugung durchdrungen, der uralte Streit zwischen Kirche und Staat habe auch für das gegenwärtige Geschlecht ein unmittelbares, stoffliches Interesse, die Kämpfe, zu welchen er im Mittelalter Veranlassung gab, seien uns nabeliegend und verständlich genug, um für ihre Schilderung noch jetzt warme und lebendige Empfindungen zu erregen, führt Lessiug aus diesmal Kaiser und Papst in heftigem Widerstreit begriffen uns vor. Als Bildmotiv wählte er die bekannte Scene, welche am 12. Febr. 1111 in der römischen Petcrskirche stattfand. Kaiser Heinrich 5. war zur feierlichen Krönung hier eingezogen und sah sein Haupt im Geiste schon mit dem Diadem geschmückt, als mitten in der heiligen Handlung entgegengesetzte Forderungen bezüglich der Investitur deu Kaiser und Papst Paschalis 2. entzweiten, die Leidenschaften in Brand setzten und den folgereichen Aufruhr im Innern der Kirche weckten, der mit der Gefangennahme des widerstrebenden Papstes schloß. Diesen entscheidenden Ausgang des Streites hat Lcssing dargestellt. Links vom Beschauer im Vordergründe ragt über das ganze reiche Fürsiengcfolge die mächtige Gestalt Kaiser Heinrichs empor. Zornentflammt. durch den Widerspruch des Papstes in seiner Herrschermacht gereizt, ist er vom Throne aufgesprungen und ruft mit ausgestrecktem Arme die Krieger auf, seinen Gegner zu greifen. Schon stürzen auch dieselben aus dem Hintergrunde herbei, unbekümmert um den schwachen Widerstand, den ihnen ein vor Schrecken in die Knie gesunkener Bischof mit dem Stnbe entgegenstellt. Dem Kaiser gegenüber im rechten Vordergrunde sitzt auf Petri StAhle Paschalis, ruhig, auf sein Schicksal gefaßt, unfähig, seine Würde zu vergessen, und dem Feinde den Triumph über seine Schwäche zu göunen. Nur leise bewegt die Spannung den einen und andern Gesichtsmuskcl. nur in der Art. wie die Hand ein Buch krampfhaft festhält, ahnt man. daß auch Sorge für die Sicherheit. Furcht vor dem Grimme des Feindes seiner Brust nicht ganz fremd sind. Um den Papst drängt sich sein geistliches Gefolge. Die einen hat der Schrecken regungslos gemacht, die andern sind entsetzt über das unglaubliche Wagniß. Man sieht es ihnen an, daß sie von keinem größeren Frevel wissen, und bei Gelegenheit schwere Vergeltung üben werden. Noch andere rufen um Hilfe zum Himmel, während im Hintergrunde die Schar der Neugierigen, welche die Ursache des Aufruhrs nicht kennt oder wie der Pöbel zu allen Zeiten am Lärmen sich freut, die Hülse reckt und mit Auge und Ohr die Scene durchdringen möchte. Doch wir wollen die Schilderung nicht noch weiter spinnen. In