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Adalbert Stifter.
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Adalbert Stifter.

Der Na chsommer. Eine Erzühlnna von Ad. Stifter. Z Bände. Pesth, Heckenast.

Je seltener die Kritik in die Lage kommt, bei einem Werk der modernen Belletristik mit warmer Theilnahme zu verweilen, desto erfreulicher ist ihre Aufgabe, wo sie einmal bei einem Dichter künstlerisches Gefühl, vielseitige und eindringende Bildung und echte Herzensgüte antrifft, auch da. wo sie nicht unbedingt billigen kann, auf die Spuren des dichterischen Lebens hin­zuweisen . die in der allgemeinen Erschlaffung noch nicht untergegangen sind. So ist es mit dem neuen Roman von Stifter.

Freilich muß vorausgeschickt werden, daß von einem echten Roman nicht die Rede ist; die aufmerksamen Leser der Studien und bunten Steine werden es auch nicht erwartet haben. Wer so ganz in das Detail aufgeht, wie Stifter in jenen ersten Werken, wird nicht im Stande sein, ein Gemälde von großen Dimeitsionen so auszuführen, daß ein bestimmter Gesammteindruck vorherrscht. Der Borwurf wird denjenigen sehr leicht erscheinen, die den Ge­nius über die Regel stellen, weil sie die letztere für das Werk müßiger Syste- mätiker halten, die sich aus frühern Schöpfungen einen willkürlichen Maßstab abstrahiren und damit der Freiheit des genialen Künstlers hemmend entgegen­treten. Allein wenn es auch solche müßige Doctrinen wirklich gibt, so ist doch der Beweis, daß die Regel aus dem Wesen der Sache hervorgeht, leicht zu führen, indem man auf den Erfolg hinweist. Die Bewegung der Phantasie folgt bestimmten Naturgeseyen, die bis zu einer gewissen Grenze erkannt wer­den können, und die Kunst wirkt nur diesen Gesetzen gemäß. Wenn man an den epischen Dichter andere Anforderungen stellt, als an den Lyriker oder Dramatiker, so ist das nicht eine eitle Systemsucht, sondern das einfache Re­sultat der Erfahrung, daß eine Erzählung, um uns anzuregen und dauernd zu fesseln, anders eingerichtet sein muß als ein Drama, dem wir als Augen­zeugen beiwoh n. Ein Roman als solcher interessirt uns nur dann, wenn uns zu Anfang die Personen und Zustände so bestimmt charakterisirt werden, daß wir Theilnahme für sie empfinden und etwas Näheres von ihnen zu er. fahren wünschen; wenn dann die Berührung derselben Conflicte nach sich zieht, auf deren Lösung wir begierig sind, wenn wir dem Dichter mit der Empfin- Grenzbotcn I. 1858. 21